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Neurodermitis (Atopisches Ekzem)

Therapie

Der Arzt legt ein individuelles Behandlungskonzept anhand des Schweregrads und der Ausdehnung des Ekzems fest. Sie besteht in der Regel aus einer Basisversorgung und der Vermeidung bekannter Auslöser sowie weiteren Maßnahmen, wenn das Krankheitsbild dies erforderlich macht. Die einzelnen Behandlungsschritte dieser Stufentherapie können Sie der Übersicht entnehmen.

Hautpflege als Basistherapie

Die Basistherapie setzt sich aus Pflegesalben, Badeölen, Umschlägen und Hautschutzmaßnahmen zusammen. Sie soll verhindern, dass die Haut zu sehr austrocknet.

Die Neurodermitis-Haut benötigt dauerhafte und regelmäßige Pflege, auch wenn die Haut gerade nicht entzündet ist. Für die Basispflege eignen sich Salben, Cremes und Lotionen, die einen unterschiedlichen Fett- und Wassergehalt haben. Grundsätzlich gilt: Fett auf trocken, feucht auf feucht.
Am meisten Fett beinhalten Salben, die sich für die Basispflege der trockenen Haut eignen. Bei weniger trockener Haut sollten sogenannte Öl-in-Wasser-Emulsionen bevorzugt werden. Bei diesen Emulsionen ist das Öl in Wasser vermischt. Cremes sind weniger fetthaltig. Sie eignen sich für die Behandlung nässender Ekzeme. Noch weniger Fett enthalten Lotionen. Sie sind sehr flüssig und eignen sich sowohl für nässende Ekzeme als auch zum Ablösen von Hautschuppen.

Die Pflegeprodukte können Harnstoff (Urea pura) oder Glycerin enthalten, nachdem deren Verträglichkeit an einer kleinen Hautstelle überprüft wurde. Bei Säuglingen sollte auf den Zusatz von Harnstoff allerdings verzichtet werden. Auch Inhaltsstoffe wie Ceramide, Phosphatidylcholin, D-Panthenol und pflanzliche Öle (z.B. Nachtkerzenöl, Boretschöl) können sich positiv auswirken.
Kosmetika mit Konservierungsstoffen, Duft- und Farbstoffen, Emulgatoren, Paraffinöl oder Vaseline sind möglichst zu meiden. Leider haben die allermeisten Kosmetika solche Zusatzstoffe, welche aus der Deklaration nur schwer zu erkennen sind. Deswegen kann ein gelegentlicher Wechsel sinnvol sein.

Ph-neutrale Reinigungsprodukte

Ein weiterer Baustein der Basistherapie ist eine sorgfältige Hautreinigung mit neutraler oder leicht saurer medizinischer Seife (Syndets). Auch rückfettende medizinische Ölbäder sind geeignet, die ebenso als Duschgel genutzt werden können. Auf herkömmliche Seifen und Duschgele sollte unbedingt verzichtet werden, da sie die Haut zusätzlich austrocknen.

Vermeiden sollten Betroffene ebenso heiße Bäder, aber auch zu heiße Duschen und zu starkes Rubbeln beim Abtrocknen.

Sonnenschutz

Bei Aufenthalten im Freien ist bei allen Kindern mit Neurodermitis auf geeigneten Sonnenschutz zu achten (hoher Sonnenschutzfaktor!) und entsprechende Bekleidung.

Medikamentöse Behandlung

Kortison

Kortisonpräparate, sogenannte Glukokortikosteroide, sind nach internationalen Leitlinien Behandlungsstandard. Kortisol ist ein körpereigenes Hormon, das in der Nebennierenrinde gebildet wird. Der im Volksmund als Kortison bekannte, synthetisch hergestellte Wirkstoff unterdrückt eine überschießende Reaktion des Immunsystems und hemmt Entzündungen.

In der Regel reicht eine ein- bis zweimal tägliche äußerliche Anwendung mit kortisonhaltigen Salben. Die Wahl des Wirkstoffes (Wirkungsstärke Klasse I bis IV) und seine Dosierung richtensich nach dem Schweregrad der Hautveränderungen. Mittel der Klasse III sind bei Säuglingen und Kleinkindern sowie im Gesicht altersunabhängig nur in Ausnahmefällen bzw. zeitlich sehr begrenzt anzuwenden. Weitere empfindliche Bereiche sind bei Kindern der Windelbereich sowie die behaarte Kopfhaut. Nach dem Abklingen der Beschwerden wird eine Kortisonbehandlung meist nicht sofort beendet, sondern in einem festgelegten Intervall noch über einen begrenzten Zeitraum hinweg fortgesetzt.

Calcineurin-Hemmer

Eine neue Generation zur symptomatischen Therapie der Neurodermitis sind Calcineurin-Hemmer. Calcineurin ist ein Enzym, das im Zellkern der weißen Blutkörperchen (T-Lymphozyten) die Aktivierung von Entzündungsprozessen anregt. Die Hemmung des Calcineurins hat eine verminderte Reaktion des Immunsystems zur Folge. Die Entzündungsreaktion geht zurück, das Hautbild normalisiert sich und der Juckreiz klingt ab.

Entsprechende Salben oder Cremes mit den Wirkstoffen Tacrolimus oder dem noch schwächeren Pimecrolimus zeigen nicht die Nebenwirkungen von Kortison und können daher auch über einen längeren Zeitraum sowie an empfindlichen Körperstellen angewendet werden. Sie sind zudem eine Alternative bei Unverträglichkeit oder Unwirksamkeit der Glukokortikosteroide. Im Anschluss an die Behandlung der akuten Beschwerden kann der Kinder- und Jugendarzt die Anwendung über einen längeren Zeitraum in Intervallen empfehlen.

Antipruriginosa und antientzündliche Wirkstoffe

Antipruriginosa sind Arzneistoffe, die den Juckreiz stillen. Zum Einsatz kommen Polidocanol oder Gerbstoffe. Zur Linderung der Entzündung der Haut können Zink oder Schieferöl (Bituminosulfonate) verordnet werden.

Antibiotika/Antimykotika

Weisen die Ekzeme zusätzlich Zeichen einer bakteriellen Infektion oder einer Infektion mit Pilzen auf, kann die Verabreichung von Antibiotika gegen die Bakterien oder Antimykotika gegen den Pilzbefall angezeigt sein. Außerdem kann das Tragen von antimikrobiell wirkender Wäsche (z.B. silbernitrathaltige Wäsche) erwogen werden.

Immununterdrückende Wirkstoffe

Bei einem sehr schweren Krankheitsverlauf können Kinder und Jugendliche in Ausnahmefällen mit Ciclosporin A behandelt werden. Diese immununterdrückende Substanz hat den gleichen Wirkmechanismus wie ein Calcineurin-Hemmer, muss allerdings systemisch, d.h. in Tabletten- oder Injektionsform, verabreicht werden.

Die Anwendung von Ciclosporin kann Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen oder eine erhöhte Infektanfälligkeit auslösen. Eine gleichzeitige Phototherapie darf keinesfalls erfolgen, da diese das Hautkrebsrisiko sehr erhöhen würde. Darüber hinaus ist auf einen effektiven Sonnenschutz zu achten.

Alternativ können die Wirkstoffe Azathioprin, Methotrexat oder Mycophenolatmofetil bei sehr schweren Krankheitsverläufen eingesetzt werden, insbesondere wenn Ciclosporin A nicht wirksam ist oder nicht eingesetzt werden kann. Auch bei diesem Wirkstoff ist ein zuverlässiger Sonnenschutz unerlässlich.

Während der Behandlungsphase wird von Schutzimpfungen abgeraten, da der Impferfolg, infolge einer Unterdrückung der Antikörperbildung durch die Medikamente nicht gewährleistet ist. Stehen notwendige Schutzimpfungen an, sollte das Medikament daher 2 Wochen vor und 4 bis 6 Wochen nach der Impfung abgesetzt werden. In einigen Fällen wird sich der Arzt zu Gunsten einer notwendigen kontinuierlichen Therapie gegen eine Impfung entscheiden. Ohne Rücksprache mit dem Arzt sollten Sie weder ein neues Medikament ausprobieren noch die Dosierung eines bewährten Mittels ändern. So sind etwa Antihistaminika beispielsweise bei Neurodermitis weder wirksam noch empfohlen.

Stufen

Eine aufeinander aufbauende Stufentherapie ist heute Behandlungsmethode der Wahl. Die genaue Durchführung ist allerdings individuell auf das Alter, die Beschwerden, den Schweregrad, den Verlauf und Leidensdruck des Patienten anzupassen:

  • Stufe 1, trockene Haut: Äußerliche Basistherapie, um der Haut Feuchtigkeit und Geschmeidigkeit zu geben. Vermeidung auslösender Triggerfaktoren.
  • Stufe 2, leichte Ekzeme: Behandlung aus Stufe 1, zusätzlich äußerliche Anwendung von antiseptischen und Juckreiz mindernden Wirkstoffen, milden Glukokortikosteroiden (Klasse I) oder Calcineurin-Hemmern (für gesetzlich krankenversicherte in Deutschland Erstattung erst ab 2. Geburtstag).
  • Stufe 3, moderate Ekzeme: Behandlung aus Stufen 1 und 2, zusätzlich äußerliche Anwendung von stärker wirksamen Glukokortikosteroiden (Klasse II) oder Calcineurin-Hemmern (ab 3. Lebensjahr).
  • Stufe 4, dauerhafte schwer ausgeprägte Ekzeme: Maßnahmen der Stufen 1 bis 3, zusätzliche Behandlung, die das Immunsystem beeinflusst (z.B. Ciclosporin A).
Bislang wurden die entzündungshemmenden Medikamente nur bei Krankheitsschüben verabreicht und dann ausschleichend wieder abgesetzt. Neuerdings wird in den Leitlinien die so genannte proaktive Therapie befürwortet. Nach dem Abklingen eines Schubs wird die antientzündliche Behandlung in niedriger Dosis dauerhaft fortgeführt, um neuen Schüben besser vorbeugen zu können.

Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen

Für Kinder bis zum vollendeten 12. Lebensjahr übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die medizinisch notwendigen Medikamente. Bei älteren Kindern werden die Kosten für nicht verschreibungspflichtige Medikamente, die der sogenannten Basisversorgung zugerechnet werden, von den Krankenkassen nicht mehr übernommen. Wurde bei einem erkrankten Kind eine Entwicklungsstörung festgestellt, werden Kosten allerdings bis zum 18. Lebensjahr gezahlt.

Nichtmedikamentöse und unterstützende Behandlungsmethoden

Phototherapie

Die Phototherapie, eine Behandlung mit Licht in Form von UVA-1-Therapie, UVB-Schmalband-Therapie, UVB-Breitband-Therapie oder Balneo-Phototherapie kann während akuter Krankheitsschübe bei Erwachsenen zum Einsatz kommen. Auch eine Anwendung bei Kindern ab einem Alter von 12 Jahren ist möglich.

Neurodermitis-Schulung

In interdisziplinären Seminaren, die auf das Alter des Kindes abgestimmt sind, schulen Ärzte, Psychologen und Ernährungsfachleute Eltern sowie Kinder ab dem 7. Lebensjahr im richtigen Umgang mit der Krankheit. Es werden Strategien zur Minimierung der psychischen Belastung, Tipps zur richtigen Hautpflege sowie bei Bedarf eine Ernährungsberatung angeboten. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Schulung der von Eltern mit Kindern in der Altersgruppe bis 7 Jahre, für Kinder im Alter von 8–12 Jahren und deren Sorgeberechtigten sowie für Patienten ab einem Alter von 13 Jahren mit chronischer bzw. chronisch-rezidivierender Neurodermitis.

Unter www.neurodermitisschulung.de veröffentlicht die Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung die Kontaktdaten von Schulungszentren in Deutschland und Österreich.

Psychotherapie

Sind psychische Auslöser für die Neurodermitis-Schübe verantwortlich, kann vom Kinder- und Jugendarzt eine Psychotherapie empfohlen werden. Bewährt hat sich bei diesem Krankheitsbild vor allem die Verhaltenstherapie. Bei nachgewiesener Notwendigkeit übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Behandlungskosten.

Diäten

Ergeben die Untersuchungen einen eindeutigen Hinweis auf ein oder mehrere Nahrungsallergene kann in Absprache mit dem behandelnden Arzt eine Meidung dieser Allergene empfehlenswert sein. Diese richtet sich nach dem Befund und dem Alter des Patienten und sollte daher individuell geplant werden. Dabei muss eine ausgewogene Ernährung gewährleistet werden. Zudem sollte alle ein bis zwei Jahre überprüft werden, ob die Allergie noch fortbesteht.

Kleidung

Neurodermitis-Kinder sollten bevorzugt leichte und glatte Stoffe (Baumwolle, Seide, Leinen) und nicht zu eng anliegende Kleidung tragen. Neu gekaufte Ware sollte immer erst gewaschen werden. Beim Waschen sollten Eltern keine Duftstoffe verwenden und stets nachspülen. Bei der Wahl der Kleidung für ihre erkrankten Kinder sollten Eltern dagegen auf Wolle verzichten und die Schildchen vor dem Tragen entfernen.

Bettwäsche

Reagieren die Kinder überempfindlich auf Hausstaubmilben, kann die Verwendung milbendichter Bezüge für Matratze, Kissen und Bettdecke zu einer Linderung der Beschwerden beitragen.

Autor: äin-red

Fachliche Unterstützung: Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Nentwich

letzte Änderung: 20.03.2017