Das Risiko des Ertrinkens ist bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) dreimal höher als bei Gleichaltrigen ohne ASS; bei Betroffeen ist das Risiko im Alter von 0 bis 4 Jahren am höchsten. „Tödliche Ertrinkungsunfälle ereignen sich häufig, wenn ein Kind mit ASS unbeaufsichtigt zu einem Gewässer gelangt“, erklärten die Autor*innen in dem am 15. Juni in der Fachzeitschrift „Pediatrics“ veröffentlichten Artikel „Prevention of Drowning: Policy Statement“.
Auch der Zugang zu einem privaten Pool oder mangelnder Erfahrung der Familie im Umgang mit Wasser kann zu einem erhöhtes Ertrinkungsrisiko führen. Zu Risikosituationen gehört, wenn ein Kind unvorhergesehenem Zugang zu Gewässern erlangt, wenn Feiern in Wassernähe stattfinden oder niemand das Kind am/im Wasser beaufsichtigt.
Aufsichtsperson
Am und im Wasser sollte stets eine eindeutig bestimmte erwachsene Aufsichtsperson zuständig sein. Sie muss aufmerksam bleiben, schwimmen können und darf sich nicht durch das Smartphone, Gespräche oder andere Tätigkeiten ablenken lassen. Bei Kleinkindern und ungeübten Schwimmern ist eineAufsicht in unmittelbarer Reichweite erforderlich. Idealerweise weiß die Aufsichtsperson, wie Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen sind.
Besitzen Familien einen eigenen Pool, sollte dieser rundum einen Zaun mit selbstschließendem und selbstverriegelndem Tor besitzen. Bei Wassersportaktivitäten ist es sinnvoll, dass Kinder eine Schwimmweste tragen.
Nur ein kurzer unbeaufsichtigter Moment ist ausreichend
Bereits in einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit kann sich ein tragischer Unfall ereignen. „Ich sage den Eltern meiner Patienten: ‚Wenn Sie sich für diese vier oder fünf Minuten entfernen, stellen Sie sich ein Kind unter Wasser vor, das vier bis fünf Minuten lang die Luft anhält. Die meisten Menschen können den Atem nur etwa 30 bis 45 Sekunden lang anhalten,“ erklärt Dr. Gary Kirkilas, DO, at Phoenix Children’s Hospital in Phoenix, Medscape gegenüber. Er war nicht an der Veröffentlichung in „Pediatrics“ beteiligt
Zudem weise er Familien darauf hin, dass es ein Irrglaube sei, Ertrinkende würden zwangsläufig schreien und wild um sich schlagen. „Oft geschieht es lautlos“, warnt er. „Jemand schluckt Wasser, würgt und geht unter.“
Schwimmen lernen alleine reicht nicht aus
Alle Kinder sollten schwimmen lernen. Schwimmfähigkeit setzt die Beherrschung verschiedener motorischer Fertigkeiten voraus, wie z.B. Hineinspringen und Auftauchen, Treibenlassen, sich im Wasser drehen, Fortbewegen im Wasser sowie das Verlassen des Wassers. Diese Fertigkeiten werden im Rahmen mehrerer Unterrichtseinheiten in der risikoarmen und kontrollierten Umgebung eines Schwimmbads erworben. Sie lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf natürliche Gewässer übertragen, da dort andere Bedingungen herrschen und zusätzliche Gefahren bestehen.
Eltern sollten Schwimmkurse wählen, die ihren Kindern neben der reinen Schwimmfähigkeit auch allgemeine Wasserkompetenz vermitteln. Der Erwerb von Schwimm- und Überlebensfertigkeiten erfordert zahlreiche Unterrichtseinheiten und setzt eine gewisse psychomotorische Reife voraus, die Kinder üblicherweise im Alter von fünf bis sechs Jahren erreichen. Gegebenenfalls sind Auffrischungskurse erforderlich.
Fehlende öffentliche Bäder
In Deutschland können 20% der Grundschulkinder nicht schwimmen (Stand 2022), wobei mit einer steigenden Tendenz zu rechnen ist. Kinder haben immer weniger Möglichkeiten, das Schwimmen zu lernen. So nehmen Bäder in erreichbarer Nähe ab. Letztes Jahr waren unter den Minderjährigen besonders viele Jugendliche von tödlichen Badeunfällen betroffen (insgesamt 393 Todesfälle, 13 Kinder im Aller bis zu 10 Jahren und 25 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 11 bis 20 Jahren). Dieses Jahr sind bereits viele Todesopfer zu beklagen, überwiegend männlich. Vermutlich spielt hier auch Überschätzung und/oder Alkohol eine Rolle.
Quelle: Medscape, Pediatrics, DLRG (1, 2), tagesschau