Fakt ist, dass der Nutzen einer Durchtrennung des Zungenbändchens wissenschaftlich weitgehend nicht belegt ist. Die größte internationale Datenauswertung - eine Cochrane-Metaanalyse - konnte lediglich eine leichte Reduktion mütterlicher Schmerzen beim Stillen nachweisen. Positive Effekte für das Kind selbst, etwa auf Gewichtszunahme, Schreiverhalten oder langfristige Entwicklung, ließen sich dagegen bislang nicht belegen. Auch gibt es keinen Zusammenhang zu einer längeren Stilldauer dieser Kinder. Meist wird dies aber als Grund für den Eingriff angegeben. Es zeigt sich in den Studien aber dagegen, dass eine gute Stillberatung der wesentliche Faktor für eine gute Stillbeziehung ist.
Auch ein Zusammenhang zu späteren Problemen beim Sprechen kann wissenschaftlich nicht belegt werden. Der BVKJ sieht eine zunehmende Überdiagnose und Kommerzialisierung „eines vermeintlich verkürzten“ Zungenbändchens bei Säuglingen und Kleinkindern. Bundesweit entstehen immer mehr sog. „Zungenbändchenzentren“, die kostenintensive Behandlungen häufig mittels Laserchirurgie anbieten. Die Eingriffe kosten oft zwischen 800 - 2000 Euro und werden von den gesetzlichen Krankenkassen meist nicht übernommen. Nicht umsonst ist ein hohes Einkommen der Eltern bzw. die private Versicherung einer der „Risikofaktoren“ für die Diagnose (neben der Tatsache, ein Junge zu sein, sich länger auf der Entbindungsstation zu befinden oder Kind einer Erstgebärenden zu sein).
Obwohl den Eltern suggeriert wird, dass es sich um einen kleinen, harmlosen Eingriff handelt, muss klargestellt werden, dass Komplikationen in einer Häufigkeit von 1-9% auftreten, insbesondere nach dem Eingriff mittels Laser. Es kommt zu Infektionen, Nachblutungen, schweren Verletzungen des Zungengrundgewebes, Traumatisierung der Kinder, Verschlechterung der Ernährungssituation und einiges mehr.
Im Anschluss soll nach dem Eingriff häufig eine manuelle Nachbehandlung des Gewebes durch die Eltern oder eine Therapeutin erfolgen. Dies erzeugt bei den Kindern weitere Schmerzen und fördert die Abneigung vor Fremdkörpern im Mund. Sie sollte daher auf keinen Fall empfohlen werden.
Der BVKJ fordert daher auf Grundlage der aktuellen wissenschaftlichen Daten:
- Diagnosestellung vor einem Eingriff durch eine/n Kinder- und Jugendärzt*in
- Ausschöpfung der nicht-operativen Therapieverfahren, insbesondere der qualifizierten Stillberatung vor einem Eingriff
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