Schwedische Studie: Verzicht auf Vitamin-K-Gabe bei Neugeborenen verdoppelt Blutungsrisiko

Eine schwedische Studie macht darauf aufmerksam, dass Babys, die keine intramuskuläre Vitamin-K-Gabe erhielten, bis zum Alter von sechs Monaten eine um 52% erhöhtes Risiko für Blutungen jeglicher Art und eine fast dreifach erhöhte Wahrscheinlichkeit für intrakranielle Blutungen (Hirnblutung) aufwiesen.

Säuglinge benötigen Vitamin K, um insbesondere vor Hirnblutungen geschützt zu sein, die zu bleibenden geistigen Schäden oder sogar zum Tod führen können. Vitamin K spielt eine zentrale Rolle im Blutgerinnungssystem. Babys können das Vitamin nur in geringen Mengen speichern und Muttermilch enthält wenig davon. In Schweden erhalten Neugeborene das Vitamin gespritzt, während es in Deutschland oral in Form von Tropfen verabreicht wird.

In vielen Ländern nimmt die Zahl der Eltern mit ablehnender Haltung zu

Die Rate des Verzichts auf intramuskuläres Vitamin K hat sich in Schweden zwischen 2006 und 2021 mehr als verdoppelt; dies spiegelt Trends wider, die auch aus den USA, Großbritannien, Kanada und Australien gemeldet wurden.

Eine landesweite schwedische Kohortenstudie, die sich über fast zwei Jahrzehnte erstreckte, ergab, dass Säuglinge, die bei der Geburt kein intramuskuläres Vitamin K erhielten, im Vergleich zu Säuglingen mit der prophylaktischen Standardinjektion ein signifikant höheres Blutungsrisiko in den ersten sechs Lebensmonaten aufwiesen – darunter ein fast dreifach erhöhtes Risiko für intrakranielle Blutungen. Die am 13. Juli 2026 online in „JAMA Pediatrics“ veröffentlichten Ergebnisse ergänzen die wachsende internationale Datenlage, die eine zunehmende Ablehnung der Vitamin-K-Gabe bei Neugeborenen durch die Eltern sowie die daraus resultierenden klinischen Folgen dokumentiert.

Die Studienautoren unter der Leitung von Dr. med. Eleni Simatou vom Karolinska Institutet in Stockholm kamen zu dem Schluss, dass weitere Aufklärungsarbeit bei Eltern und medizinischem Fachpersonal erforderlich ist, angesichts der anhaltenden und zunehmenden Versorgungslücke bei Säuglingen mit Vitamin K.

Über 24.000 Säuglinge ohne Vitamin-K-Prophylaxe

Die Forscher analysierten Daten von 2.020.302 Lebendgeburten in Schweden im Zeitraum von 2003 bis 2021. Dabei nutzten sie das schwedische medizinische Geburtenregister, das mit nationalen Registern zu Patienten, zur Qualität der Neugeborenenversorgung und zu Todesursachen verknüpft war. Bei 24.089 Säuglingen (1,19 %) war keine intramuskuläre Vitamin-K-Prophylaxe dokumentiert.

Trendumkehr nach jahrzehntelang niedriger Inzidenz

Der Anteil der Säuglinge in Schweden, die keine intramuskuläre Vitamin-K-Gabe erhielten, sank von 1,32% im Jahr 2003 auf einen Tiefstwert von 0,66% im Jahr 2006 und stieg anschließend stetig auf 1,50% im Jahr 2021 an – mehr als das Doppelte des Tiefststands von 2006. Dieses Muster spiegelt frühere Berichte über steigende Ablehnungsraten in Australien, Neuseeland, Großbritannien, Kanada und den USA wider, wo jüngste Schätzungen auf Basis von Krankenhausdaten Werte von bis zu 5,18% erreichten. Orales Vitamin K, das als Alternative bei Ablehnung der Injektion angeboten wird, kam bei weniger als 10% der Säuglinge ohne intramuskuläre Gabe zum Einsatz.

Bedeutung der Prophylaxe

Neugeborene sind physiologisch anfällig für einen Vitamin-K-Mangel, bedingt durch den begrenzten plazentaren Transfer, niedrige Konzentrationen in der Muttermilch und ein unreifes Darmmikrobiom, das das Vitamin noch nicht synthetisieren kann; diese Faktoren waren ausschlaggebend für die Einführung der allgemeinen Prophylaxe ab den 1960er Jahren. Die schwedische Erfahrung verdeutlicht die Tragweite: Zeitgleich mit der Umstellung von intramuskulärer auf rein orale Gabe im Jahr 1986 beobachteten Expert*innen einen Wiederanstieg von Blutungen bei Säuglingen. Dies hatte 1989 die Wiedereinführung der intramuskulären Verabreichung als Standardmaßnahme zur Folge.

Wenn Vitamin K oral in Form von Tropfen verabreicht wird, müssen Kinder diese mehrmals erhalten. Wird eine Gabe verpasst, ist die Schutzwirkung nicht mehr so gut. In Deutschland ist die Verabreichung des Vitamins an die Vorsorgeuntersuchungen (U1, U2 und U3) gekoppelt, was die Therapietreue erleichtert.

Einschränkungen 

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich kein kausaler Zusammenhang beweisen. Die Autor*innen weisen zudem darauf hin, dass die Auswertung alle Blutungsdiagnosen umfasste und nicht ausschließlich Vitamin-K-Mangel-Blutungen. Dadurch lässt sich bei einzelnen Blutungsereignissen keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung zum Vitamin-K-Mangel nachweisen.

Quellen: Contemporary Pediatrics, JAMA Pediatrics

Autor/Autoren: äin-red, bvkj Redaktion

Letzte Aktualisierung: 03.08.2026