Dem Review zufolge wurden etwa 82% der Säuglinge, die direkten Hautkontakt zu ihrer Mutter hatten, mindestens die ersten sechs Wochen lang voll gestillt – und in einigen Studien sogar bis zu einem halben Jahr. Zum Vergleich: Von den Säuglingen ohne Hautkontakt nach der Geburt waren es nur 59%. Ausschließliches Stillen in den ersten sechs Monaten bringt Müttern und Kindern viele gesundheitliche Vorteile. Zudem wirkt der Hautkontakt nach der Geburt wahrscheinlich stabilisierend auf mehrere wichtige Werte, die etwas über den Gesundheitszustand des Neugeborenen aussagen – nämlich auf Körpertemperatur, Blutzucker, Atmung und Herzfrequenz.
„Früher wurden Babys unmittelbar nach der Geburt für Routineverfahren wie körperliche Untersuchung, Wiegen und Baden von ihren Müttern getrennt. Das verhindert einen unmittelbaren Haut-zu-Haut-Kontakt“, sagte Elizabeth Moore, Erstautorin des Cochrane Reviews und emeritierte außerordentliche Professorin an der „School of Nursing“ der Vanderbilt Universität in Nashville (USA). „Selbst in Ländern mit sehr guter Versorgung ist diese kostenlose und leicht umsetzbare Maßnahme keine gängige Praxis.“
Das Team um Elizabeth Moore hat übrigens auch untersucht, wie sich ein direkter Hautkontakt auf die Mutter auswirkt – also ob er beispielsweise ihren Blutverlust oder den Zeitpunkt der Plazentageburt beeinflusst. Bei diesen Fragen ist die Datenlage allerdings nicht gut genug für verlässliche Aussagen.
Und apropos Verlässlichkeit: Warum können die Cochrane-Autor*innen eigentlich nur sagen, dass der direkte Hautkontakt „wahrscheinlich“ positiv wirkt – und nicht, dass er „sicher“ positiv wirkt? Das hat etwas mit der Qualität der Studien zu tun, die sie für ihre Übersichtsarbeit ausgewertet haben: Sie genügten nämlich nicht immer den strengsten wissenschaftlichen Standards. So wussten die Mütter natürlich, ob ihnen ihr Kind direkt nach der Geburt auf die Brust gelegt wurde oder nicht – und das könnte ihr Stillverhalten beeinflusst haben. Diese mangelnde Verblindung der Mütter ist unvermeidbar, aber wurde von den Cochrane- Autor*innen als eine von mehreren methodischen Schwächen bewertet. Deswegen stuften die Autor*innen die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz herab. Und das führte bei diesem Cochrane Review dazu, dass die Ergebnisse nicht als „sicher“, sondern eben nur als „wahrscheinlich“ gelten.
Trotz der Vorbehalte ziehen die Autoren des aktuellen Reviews ein klares Fazit: Die Evidenz zugunsten des unmittelbaren Haut-zu-Haut-Kontakts ist aus ihrer Sicht so deutlich, dass sie davon abraten, weitere randomisierte Studien durchzuführen. Dabei dürften die Mütter und Neugeborenen in der Kontrollgruppe nämlich nach der Geburt keinen Hautkontakt haben. Und den Hautkontakt empfiehlt mittlerweile selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Standard, argumentieren die Autor*innen. „Den Haut-zu-Haut-Kontakt vorzuenthalten, wäre heute als unethisch anzusehen, da es ausreichende Evidenz gibt, dass der direkte Kontakt die Gesundheit und das Überleben von Neugeborenen verbessert“, betonte Karin Cadwell, Senior-Autorin sowie Geschäftsführerin und leitende Dozentin des „Healthy Children Project’s Center for Breastfeeding“ in den USA. „Während die für unseren Review geeigneten Studien nicht das Überleben betrachteten, haben Forschungsarbeiten in ressourcenarmen Umgebungen gezeigt, dass dieser direkte Kontakt bei Neugeborenen mit geringem Geburtsgewicht über Leben und Tod entscheiden kann. Eine große Studie in Krankenhäusern in Indien und mehreren afrikanischen Ländern wurde frühzeitig gestoppt, als vorläufige Daten zeigten, dass Haut-zu-Haut-Kontakt das Überleben signifikant verbessert.“
__________
Mirjam Mischke-Stöckel, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Cochrane Deutschland
__________
Quellen: idw-online, Cochrane Deutschland, Cochrane Database of Systematic Reviews