ADHS besser verstehen: Forscher entwickelt neues Erklärmodell EHDH

Die Zahl der ADHS-Diagnosen, also sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen, haben in Europa seit Jahren kontinuierlich zugenommen. Warum Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit bei Betroffenen so stark schwanken, dafür hat nun eine aktuelle Studie einen neuen Erklärungsansatz: ADHS könnte weniger ein Aufmerksamkeitsdefizit sein als vielmehr ein Problem der Energieversorgung im Gehirn.

© pairhandmade - Fotolia.com

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Ein Neurobiologe der Freie Universität Berlin stellt in der renommierten Fachzeitschrift Neuroscience & Biobehavioral Reviews das Modell der „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“ vor. Der Ansatz interpretiert ADHS als Folge einer instabilen neuronalen Energieverfügbarkeit. Der EDHD-Ansatz möchte zugleich einen Beitrag zur Entstigmatisierung von Betroffenen leisten.

Perspektivwechsel: Von Aufmerksamkeitsdefiziten zu Energieregulation

Das EDHD-Modell rückt die schwankende Energieversorgung des Gehirns in den Mittelpunkt. Demnach verfügen Menschen mit ADHS nicht grundsätzlich über weniger Aufmerksamkeit, sondern über eine instabile und schnell erschöpfbare mentale Energie. Diese Dynamik könnte erklären, warum Betroffene in manchen Situationen hochkonzentriert arbeiten, während ihnen in anderen Momenten selbst einfache Aufgaben schwerfallen. „Das Modell bietet eine neue Perspektive auf ein seit Jahrzehnten erforschtes Störungsbild“, verdeutlicht Mohammad Dawood Rahimi vom Arbeitsbereich Cognitive Neuroscience der Freien Universität Berlin. Phänomene wie Hyperfokus oder starke Leistungsschwankungen ließen sich so besser verstehen.

Warum Leistung schwankt

Ein häufig beschriebenes Merkmal von ADHS ist die starke Schwankung der Leistungsfähigkeit: Viele Betroffene können sich über Stunden intensiv auf hochinteressante Tätigkeiten konzentrieren, haben jedoch erhebliche Schwierigkeiten mit monotonen und oder langandauernden Aufgaben. Das EDHD-Modell deutet dies als energieabhängige Regulation: Stimulierende Aufgaben stabilisieren kurzfristig die Energienutzung im Gehirn. Reizarme Tätigkeiten führen dagegen eher zu einem Abfall verfügbarer Ressourcen. Die Leistungsfähigkeit wird damit als kontextabhängig verstanden.

In seiner Studie argumentiert der Forscher, dass neurobiologische Prozesse wie der Glukosestoffwechsel und die Funktion der Mitochondrien eine zentrale Rolle spielen könnten. Bestimmte Hirnregionen – etwa solche, die für Planung, Aufmerksamkeit und Selbstregulation zuständig sind – könnten demnach zeitweise nicht ausreichend mit Energie versorgt werden. Zugleich betont Dawood Rahimi: „Der EDHD-Ansatz versteht sich ausdrücklich als hypothesengenerierender theoretischer Ansatz – nicht als neue Diagnosekategorie oder klinisches Instrument. Ziel ist es, Befunde aus Neurowissenschaften, Bioenergetik, Kognitionsforschung und Computermodellierung in einem systemischen Erklärungsrahmen zusammenzuführen.“

Erholung und Struktur als Schlüsselfaktoren

Im EDHD-Modell hängt stabile Aufmerksamkeit vor allem von ausreichender Erholung ab. Schlaf, Pausen und biologische Rhythmen bestimmen, wie viel kognitive Energie verfügbar ist. Fehlt diese Regeneration, können selbst einfache Aufgaben überfordern – ein möglicher Grund für typische Leistungsschwankungen.

Auch Verhaltensweisen wie Unruhe oder Ablenkbarkeit erscheinen in diesem Licht anders: Sie könnten kurzfristige Strategien sein, um das Energieniveau zu stabilisieren. Bewegung oder neue Reize helfen dem Gehirn, leistungsfähig zu bleiben. Damit rückt ADHS weg von der Deutung als Disziplinproblem hin zu einer Frage des Ressourcenmanagements. Für die Praxis ergeben sich neue Ansatzpunkte – etwa ein stärkerer Fokus auf Schlaf, Ernährung und Stoffwechsel neben der medikamentösen Behandlung.
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Christine Xuan Müller, Stabsstelle Kommunikation und Marketing, Freie Universität Berlin
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Quellen: idw-online.de, Freie Universität Berlin, Neuroscience & Biobehavioral Reviews

Autor/Autoren: äin-red, bvkj Redaktion

Letzte Aktualisierung: 02.07.2026