Kinder- & Jugendärzte im Netz

Ihre Haus- & Fachärzte von der Geburt bis zum vollendeten 18. Lebensjahr

Herausgeber:

04.02.2022

US-Studie: Täglicher Stress während Coronapandemie führte bei vielen Eltern zu aggressiverem Erziehungsstil

Während des Lockdowns im April/Mai 2020 wählten Eltern mehr als vor der Pandemie aggressive Erziehungsmaßnahmen. Dies traf vor allem zu, wenn ihr tägliches Stressniveau am höchsten war, was normalerweise spät am Tag zutraf. Dies beobachteten US-Forscher zumindest bei amerikanischen Eltern in Ohio. Die Studie wurde im „Journal of Family Violence“ veröffentlicht.

© Markus Bormann - Fotolia.com

© Markus Bormann - Fotolia.com

Die Ergebnisse der Studie, bei der das Ausmaß des Stresses dreimal täglich zwei Wochen lang dokumentiert wurde, belegten, dass Eltern bei jedem höheren Stresslevel (von 1 bis 10 bewertet) eine 1,3-mal höhere Wahrscheinlichkeit hatten, bei ihrem Kind körperliche Strafen wie Schütteln oder Schläge einzusetzen oder psychische Aggression zeigten, d.h. das Kind z.B. entwerteten bzw. demütigten.

Anspannung nimmt im Laufe des Tages zu

Es war nicht das allgemeine Stressniveau, das ausschlaggebend war, erklärte Prof: Dr. Bridget Freisthler von der Ohio State University, Hauptautorin der Studie. "Es scheint, dass der allgemeine Stress für die Erziehung der Eltern weniger wichtig ist als der Stress, den sie im Moment empfinden", verdeutlichte Freisthler. Zu diesen aggressiven Disziplinarmaßnahmen griffen die Eltern am ehesten am Nachmittag oder am Abend. "Wenn sich der Stress im Laufe des Tages aufbaut, ist das Risiko größer, dass Eltern ausrasten und aggressive Erziehungsmaßnahmen anwenden, die für Kinder nicht gut sind", ergänzte sie.
Die amerikanischen Forscher wollten erfahren, wie sich die Pandemie-bedingten Veränderungen im Familienleben auf die Erziehung auswirkten.
„Viele Eltern standen während des Lockdowns vor beispiellosen Herausforderungen und befanden sich wahrscheinlich im ‚Überlebensmodus‘, mussten von zu Hause aus arbeiten, Kinder betreuen, Kindern bei Schulaufgaben helfen und all die anderen Dinge tun, um den Haushalt am Laufen zu halten“, so Freisthler.

Stressniveau und Erziehungsmaßnahmen live berichtet

Diese Studie ist eine der wenigen, bei denen Eltern gebeten wurden, ihr Stressniveau und ihren Einsatz von Erziehungsmaßnahmen nahezu in Echtzeit zu berichten, was einen genaueren Überblick über das Geschehen gibt als die meisten früheren Studien, in denen Eltern sich später an Ereignisse erinnern sollten, betonte Freisthler.

An der Studie nahmen 323 Eltern von Kindern im Alter von 2 bis 12 Jahren aus Zentral-Ohio, darunter Columbus, teil, die online und durch Mundpropaganda rekrutiert wurden.

Zu Beginn der Studie gab jeder Elternteil allgemeine Auskünfte, z.B. auf Fragen zum allgemeinen Stressniveau und zum Erziehungsstil.

Die Forscher forderten dann die Eltern auf, während des Lockdowns in Ohio vom 13. April bis 27. Mai 2020 dreimal täglich zwei Wochen lang an einer kurzen Befragung auf ihren Smartphones teilzunehmen.

Sie wurden 14 Tage lang täglich um 10 Uhr, 15 Uhr und 21 Uhr befragt, um ihr aktuelles Stresslevel einzuschätzen und zu berichten, ob sie in den vorangegangenen Stunden bei einem ihrer Kinder eine Disziplinierungsmaßnahme angewendet hätten.

„Eltern berichteten um 15 und 21 Uhr häufiger von aggressiven Verhalten als um 10 Uhr“, berichtete sie. "Später am Tag hat sich der Stress bei Eltern aufgebaut und es wurde für sie vermutlich schwieriger, ihre Reaktionen auf das Fehlverhalten ihrer Kinder zu kontrollieren."

Pandemie verdreifachte Risiko von körperlichen Strafen und Ähnlichem bei Eltern mit aggressivem Erziehungsstil

Freisthler zufolge sei es nicht überraschend, dass Eltern, die vor Beginn der Studie aggressive Erziehungsmaßnahmen wählten, ihre Erziehungspraktiken nicht änderten – im Gegenteil. Die Ergebnisse zeigten, dass Eltern, die laut der Basiserhebung mindestens ein paar Mal pro Woche aggressive Disziplinierungsmaßnahmen eingesetzt hatten, während des Lockdowns und der kurzen Umfragen mit einer etwa dreifach höheren Wahrscheinlichkeit zu aggressiven Methoden übergingen.

Ein unerwartetes Ergebnis war, dass verheiratete Eltern eher zu aggressiven Maßnahmen neigten als Alleinerziehende, bemerkte Freisthler. Eine mögliche Erklärung sei, dass Alleinerziehende evtl. mehr Erfahrung damit hatten, Kinderbetreuung und Beruf „unter einen Hut zu bringen“. Oder bei verheirateten Paaren waren möglicherweise Konflikte darüber entstanden, wie Betreuung der Kinder und das Berufsleben verteilt würden. Diese Uneinigkeit könnte sich auf das Erziehungsverhalten ausgewirkt haben, vermutete sie.
Freisthler gab zu bedenken, dass die Teilnehmer dieser Studie tendenziell besser ausgebildet seien als die durchschnittliche Bevölkerung, was die Ergebnisse beeinflusst haben könnte. „Diese Ergebnisse stammen aus einer Bevölkerungsgruppe, die während der Coronapandemie wohl mehr finanzielle Ressourcen hatte als die meisten anderen“, sagte sie. "Eltern, denen es an wirtschaftlichen und sozialen Ressourcen mangelt, sind möglicherweise noch stärker gefährdet, in dieser stressigen Zeit zu harten Strafen zu greifen."

Quellen: medicalXpress, Ohio State University, Journal of Family Violence

Autor: äin-red