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13.07.2018

Südeuropäische Heranwachsende folgen immer weniger einer mediterranen Ernährung

Länder in Südeuropa, die für die mediterrane Ernährung bekannt sind, die weltweit als Beispiel für gesunde Ernährung gilt, weisen derzeit die höchsten Raten von Übergewicht und Fettleibigkeit bei Kindern auf. Dies zeigt eine umfangreiche internationale Studie unter dem Dach der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

© erllre - Fotolia.com

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Dieser hohe Anteil an übergewichtigen Minderjährigen in Südeuropa ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die meisten Heranwachsenden nicht mehr traditionelle Essgewohnheiten pflegen.

Die Europäische Initiative zur Überwachung von Adipositas der Weltgesundheitsorganisation (COSI: Childhood Obesity Surveillance Initiative), an der fast 40 Länder beteiligt sind, berichtete, dass die höchsten Adipositasraten in Zypern, Italien, Spanien, Griechenland, Malta und San Marino zu verzeichnen sind.

Die Daten, die auf dem Europäischen Kongress für Adipositas (ECO: European Congress on Obesity, 22. bis 23. Mai in Wien) 2018 vorgestellt wurden, belegten auch, dass die niedrigsten Raten von übergewichtigen Minderjährigen (5% bis 9%) in Ländern wie Frankreich, Norwegen, Irland, Lettland und Dänemark  - neben zentralasiatischen Ländern wie Turkmenistan und Tadschikistan -  zu beobachten sind.

Dr. Joao Breda, Leiter des Europäischen Amtes für Prävention und Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten der WHO in Moskau (Head oft he European Office for Prevention and Control of Noncommunicable Diseases), sagte in einer Presseerklärung, dass die Ergebnisse die Notwendigkeit unterstreichen, "den Obst- und Gemüseverzehr bei Kindern zu erhöhen und gleichzeitig den Konsum von Süßigkeiten und besonders zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken zu reduzieren."

Er fuhr fort: "Es ist auch sehr wichtig, das Bewusstsein von Eltern und Familien für das Problem der Fettleibigkeit bei Kindern zu schärfen, da unsere Resultate zeigen, dass viele Mütter nicht erkennen, wenn ihre Kinder übergewichtig oder fettleibig sind." Das WHO-Überwachungssystem könne eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Fettleibigkeit leisten. So konnte es beispielsweise zeigen, dass in Ländern wie Italien, Portugal, Spanien und Griechenland die Raten zwar noch hoch sind, aber mittlerweile auch erheblich zurückgegangen sind. Dieser Erfolg beruhe auf den unermüdlichen Bemühungen dieser Länder in den letzten Jahren im Kampf gegen Übergewicht, so Breda.

Globalisierung lässt Esskulturen verschwinden

Breda erklärte Medscape Medical News, dass für die jüngere Generation in südeuropäischen Ländern die mediterrane Ernährung im Wesentlichen aufgrund von Faktoren wie die Homogenisierung der Kulturen, Globalisierung und die Vermarktung von Lebensmitteln und Getränken über die Grenzen hinweg verschwunden ist. "Die mediterrane Ernährung basiert auf Vielfalt und Heterogenität, aber damit kann man kein Geld verdienen."

Nordeuropa hat dagegen von den Traditionen der mediterranen Ernährung gelernt, indem es in den letzten Jahrzehnten eine neue "nordische Ernährung" geschaffen hat.

Die Ergebnisse im Überblick

An dem aktuellen, vierten COSI-Bericht waren 38 Länder in der Europäischen Region der WHO beteiligt. Daten über etwa 250.000 Kinder im Alter von 6 bis 9 Jahren konnten so gesammelt werden. Deutschland und Großbritannien trugen nicht zu der Studie bei, da sie sich auf ein eigenes Überwachungssystem stützen.

Die höchsten Raten von Übergewicht und Adipositas bei Jungen fanden sich in Zypern (43%), Spanien (42%), Griechenland (42%) und Italien (42%). Die Prävalenz von Adipositas lag allein in diesen Ländern zwischen 19% und 21%.

Die niedrigsten Raten von Übergewicht und Adipositas wurden in Dänemark (18%), Kasachstan (18%), Turkmenistan (12%) und Tadschikistan (9%) beobachtet.

Für Mädchen im Alter von 6 bis 9 Jahren waren die höchsten Prävalenzen von Übergewicht und Adipositas in den südeuropäischen Ländern zu finden, in Zypern mit 43%, in Spanien mit 41%, in Italien mit 38% und in Griechenland mit 38%. Die Fettleibigkeit lag allein in diesen Ländern zwischen 14% und 15%.

Die niedrigsten Übergewichts- und Adipositasraten bei Mädchen betrugen 19% in der Tschechischen Republik, 17% in Albanien, 11% in Turkmenistan und 5% in Tadschikistan.

Interessanterweise glaubten Mütter von übergewichtigen Kindern in Spanien am ehesten, dass ihre Kinder normalgewichtig seien (45%).

In den 19 Ländern, die Informationen lieferten, war der tägliche Obstverbrauch in San Marino (81%), Italien (73%) und Turkmenistan (70%) am höchsten und in Litauen (19%), Lettland (23%) und Georgien (24%) am niedrigsten.
Der Gemüseverbrauch pro Tag war in San Marino (74%) am höchsten, gefolgt von Turkmenistan (68%) und Italien (54%), während der niedrigste Verbrauch in Spanien (9%), Litauen (14%) und Georgien (14%) verzeichnet wurde.
Bemerkenswerterweise war der Anteil der Kinder, die an mehr als 3 Tagen in der Woche zuckerhaltige Getränke tranken, am höchsten in Tadschikistan (44%), Turkmenistan (42%) und Montenegro (32%), während der niedrigste Prozentsatz in Irland (1%), Spanien (4%) und Dänemark (8%) erreicht wurde.

Am seltensten gingen Kinder in Portugal (18%), Malta (19%) und Lettland (72%) zur Schule oder fuhren mit dem Rad zur Schule, am häufigsten in Tadschikistan (94%), Turkmenistan (80%) und Kasachstan (71%).
Die Daten zeigten auch, dass Kinder in Turkmenistan (60%), Rumänien (52%) und Montenegro (52%) am ehesten mindestens zwei Stunden pro Tag vor dem Fernseher saßen oder ein elektronisches Gerät benutzten. Dänische (91%) und kroatische Kinder (86%) und auch Kinder aus Turkmenistan (85%) machten dies vor allem am Wochenende.

Breda schränkte gegenüber Medscape Medical News ein, dass die Ergebnisse für Osteuropa und Zentralasien im Besonderen mit Vorsicht zu interpretieren seien. Denn viele dieser Länder befinden sich in einer Phase des Umbruchs. Die bisher hohen Quoten an Unterernährung in der Bevölkerung werden derzeit rasch durch eine Tendenz zu einer überwiegend modernen westlichen Ernährung mit Junkfood und zuckerhaltigen Getränken in der Bevölkerung verdrängt.

Dadurch, gab Breda zu bedenken, wechseln diese Länder von einem Problem zum anderen. Ein Übergang zu einer gesunden Ernährung würde dort zudem durch die geringeren Kontrollen und Regulierungen in Bezug auf den Zuckergehalt in Nahrungsmitteln und Getränken – im Vergleich zu den westeuropäischen Ländern - behindert.

Quelle: Medscape, WHO, COSI

Autor: äin-red