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12.03.2021

Studien: COVID-19-Pandemie birgt ungeahnte Risiken für Kinder

Studien beobachten Zunahme des Missbrauchsrisikos bei Kindern, da viele Familien infolge der Pandemie in eine wirtschaftliche Notlage geraten. Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen sowie Ausgangssperren tragen u.a. zu einer Isolierung von Kindern und Eltern bei.

Zwei neue Studien, die die Misshandlung von Kindern während der COVID-19-Pandemie untersuchten, kommen laut Forschern der University of Alabama in Birmingham (UAB) und der University of Michigan zu beunruhigenden Ergebnissen. Diese bestätigen, was sich zu Beginn der Pandemie mit ersten Warnzeichen abzuzeichnen begann.

In der ersten Studie - einer nationalen Online-Umfrage unter mehr als 400 Eltern – gaben diejenigen Teilnehmer, die sich Sorgen um ihre Finanzen und andere Probleme im Zusammenhang mit Pandemien machten, bis zu dreimal häufiger an, dass sie ihre Kinder anschreien, schlagen oder vernachlässigen. Die zweite Studie beobachtete 106 Mütter, die über die UAB an einer Langzeitstudie zur Elternschaft teilnahmen. Für Mütter, die beschrieben hatten, dass sie während der Pandemie ihr Kind vermehrt geschlagen, angeschrien oder vernachlässigt hatten, bestand demnach ebenso das größte Risiko, dass sie ihre Kinder auch misshandelten. Für Mütter mit finanziellen Sorgen aufgrund eines Beschäftigungswechsels während der Pandemie ermittelten die Forscher genauso höhere Risikobewerte in Bezug auf Kindesmissbrauch. Und Mütter, die sich während der Pandemie einsamer fühlten, berichteten, dass sie in der Erziehung härter vorgingen, , mehr Konflikte auftraten, sie mehr körperliche Strafen anwendeten, ihre Kinder mehr anschrien und eher vernachlässigten.

Gefährlich Kombination: Coronapandemie, Arbeitslosigkeit, Isolation und Schulschließungen

Professor Christina Rodriguez ist der Meinung, dass COVID-19-Pandemie, verknüpft mit wirtschaftlichen Einbußen und sozialer Isolation besonders besorgniserregend sei. Diese gefährliche Kombination beschreibt sie mit Kollegen in der Zeitschrift „Child Maltreatment“ unter dem Titel: "The Perfect Storm: Hidden Risk of Child Maltreatment During the Covid-19 Pandemic".
"Als die Pandemie ausbrach, wusste ich, dass dies für Kinder, die bereits unter schwierigen Familienumständen zu leiden hatten, riskant sein könnte", sagte Rodriguez. In einem weiteren Artikel in der Fachzeitschrift „Psychology Today“ stellt Rodriguez fest, dass COVID-19 "beispiellose und einzigartige Gefahren" für Kinder mit sich gebracht hat. "Ich versuche, dieses Problem mehr hervorzuheben, damit die Menschen mehr auf Kinder achten – und nichtnur in Bezug auf eine gute Bildung", betonte sie.

Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder mit Eltern, die unter Stress leiden und mangelnde soziale Unterstützung bekommen, ein erhöhtes Risiko für Missbrauch haben. Andere Studien berichten, dass die Misshandlung von Kindern mit der wirtschaftlichen Krise der Großen Rezession Ende der 2000er Jahre zugenommen hat und dass Arbeitslosigkeit, Nahrungsmangel und finanzieller Stress das Risiko erhöhte, dass Eltern ihre Kinder misshandelten. Und gerade diejenigen, die bei der Verhinderung von Kindesmisshandlung eine entscheidende Rolle spielen, nämlich Lehrer, Ärzte, Psychiater, haben während dieser Pandemie plötzlich weniger oder keinen Zugang zu Kindern", schreibt Rodriguez in „Psychology Today“. Die offiziellen Meldungen von Kindesmissbrauch begannen im Frühjahr 2020 zu sinken, während es auf der anderen Seite mehr missbrauchsbedingte Verletzungen in Krankenhäusern behandelt werden mussten.

Angebot der „Frühen Hilfen“ nutzen

Eltern, die bemerken, dass in an ihre Belastungsgrenzen kommen, sollten sich an ihren Kinder- und Jugendarzt wenden. Er kann Unterstützungsangebote aufzeigen bzw. den Kontakt zur Einrichtung „Frühen Hilfen“ herstellen. Letztere greifen Eltern ab der Schwangerschaft und Familien mit Kindern bis drei Jahre unter die Arme und bieten ihnen Unterstützung, Beratung und Begleitung. Fachkräfte u.a. aus den Bereichen Kinder- und Jugendhilfe, dem Gesundheitswesen, der Frühförderung und der Schwangerschaftsberatung arbeiten eng zusammen, um Eltern bei der Betreuung und Förderung ihrer Kinder zu helfen. „Frühe Hilfen“ werden in lokalen Netzwerken koordiniert.

Quellen: Newswise, Child Maltreatment, Psychology Today, Frühe Hilfen



Autor: äin-red