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22.02.2019

Studie: Reaktionen auf Gesichtsmerkmale von Säuglingen verstärken sich mit der Schwangerschaft

Mit der Schwangerschaft verändern sich auch bestimmte Hirnstrukturen bei den Frauen, die sie auf ihre Mutterschaft und auf eine gute Bindung zu ihrem Säugling vorbereiten. Diese Beobachtung haben kanadische Forscher gemacht.

Während sich viele Studien bisher auf die Zeit nach der Geburt konzentriert hatten, haben kanadische Forscher nun untersucht, ob Veränderungen im mütterlichen Kortex während der Schwangerschaft mit einer postnatalen (nach der Geburt) Bindung zusammenhängen. Die Reaktion der Mütter gegenüber den Gesichtern von Säuglingen verändert sich demnach und beeinflusst somit die Bindung zwischen Mutter und Kind. Die Studie ergab, dass Mütter, die eine erhöhte Gehirnaktivität als Reaktion auf die Gesichtsmerkmale von Säuglingen von der Schwangerschaft bis zur Mutterschaft zeigten, nach der Geburt eine stärkere Bindung mit ihren Säuglingen angaben, als Mütter, die keine solche Zunahme zeigten.

Die Ergebnisse der Forscher der University of Toronto und der Liverpool Hope University wurden in „Child Development“, einer Zeitschrift der Society for Research in Development, veröffentlicht: „Unsere Ergebnisse stützen die Vorstellung, dass das Gehirn im Verlauf der Schwangerschaft und bis zur Geburt auf Schlüsselreize von Säuglingen andere Reaktionen entwickelt. Einige Mütter wiesen stärkere Veränderungen als andere auf, erklärte David Haley, Professor für Psychologie an der Universität von Toronto, der die Studie leitete. Diese Variation spiegelt wiederum die Berichte der Mütter über die Stärke ihrer emotionalen Bindungen zu ihrem Baby wider.

Die frühe Beziehung zwischen Müttern und Säuglingen wird allgemein als entscheidend für die Entwicklung von Kindern angesehen. Eine starke Bindung ist wichtig für eine optimale Entwicklung. Diese Bindung entsteht nicht sofort, sondern erfolgt als Teil eines Prozesses, der häufig in der Schwangerschaft beginnt und sich über die Monate nach der Geburt erstreckt.

Die Wissenschaftler befragten 39 schwangere Frauen im Alter von 22 bis 39 Jahren verschiedener Herkunft aus dem Großraum Toronto. Die meisten Frauen waren verheiratet und hatten einen College- oder Hochschulabschluss. Die Frauen besuchten das Labor zweimal, einmal im dritten Trimenon der Schwangerschaft und einmal drei bis fünf Monate nach der Geburt. Bei beiden Besuchen nahmen die Frauen an einer Gesichtserkennungsaufgabe teil, bei der ihre Gehirnaktivität durch ein EEG (das die elektrische Aktivität im Gehirn misst) gemessen wurde. Die Frauen sollten vier Blöcke mit 40 Gesichtern von glücklichen und traurigen Säuglingen und Erwachsenen betrachten. Bei beiden Besuchen berichteten die Frauen, ob sie unter Symptomen von Depressionen und Angstzuständen litten, und bei dem postnatalen Besuch gaben sie über ihre Bindung zu ihrem Neugeborenen Auskunft. So konnten die Experten Veränderungen der Hirnaktivität von der vorgeburtlichen bis zur postnatalen Periode deuten. Es war so auch möglich, Zusammenhänge zwischen den individuellen Unterschieden der Mütter in ihrer Hirnaktivität mit den Beschreibungen der Mütter über ihre Bindung zu ihrem Baby zu erkennen.

Mütter „lernen“ auf Säuglingsgesichter zu reagieren

Die Studie ergab, dass die Zunahme der kortikalen Reaktionen auf die Gesichter von Säuglingen von der vorgeburtlichen bis zur postnatalen Phase bei einzelnen Müttern mit positiveren Beziehungen zum Baby (wie von den Müttern berichtet) nach der Geburt verbunden waren. Die Forscher fanden heraus, dass die beobachteten kortikalen Veränderungen eher auf automatische Aufmerksamkeitsprozesse als auf gezielte Kontrollprozesse zurückzuführen waren. Sie fanden auch heraus, dass die beobachteten kortikalen Veränderungen nicht auf Prozesse zurückzuführen sind, mit denen die strukturellen Merkmale des Gesichts eines Kindes wahrgenommen werden.

Zusammenfassend legen die Ergebnisse nahe, dass der Übergang von der Schwangerschaft zur Mutterschaft eine Periode der Plastizität im kortikalen Bereich des Gehirns darstellten, in der eine kortikale Umorganisation stattfindet, die sich bei einigen Eltern in einer größere Aufmerksamkeit gegenüber Säuglingsgesichtern und in einer besseren Bindung äußern.

Geringe Teilnehmerzahl schränkt Studienergebnisse etwas ein

Die geringe Teilnehmerzahl und die Tatsache, dass die Bindung anhand von Berichten der Mütter gemessen wurde, und nicht aufgrund von Beobachtungen der Mutter-Kind-Interaktionen, schränken die Studienergebnisse etwas ein.
"Als Nächstes wollen wir deshalb untersuchen, wie emotionale und kognitive Netzwerke im Gehirn kommunizieren und ob Veränderungen in der neuronalen Konnektivität zwischen diesen Netzwerken damit zusammenhängen, wie Eltern die emotionalen Signale ihrer Kinder verstehen und darauf reagieren", sagte Joanna Dudek, eine Studentin an der University of Toronto, die an der Studie beteiligt war.

Quelle: Society for Research in Child Development, Child Development





Autor: äin-red