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16.10.2004

Richtiges Essverhalten

Das Vorbild der Eltern ist viel wichtiger als langes Reden, wenn es darum geht, den Kindern ein gesundes Essverhalten beizubringen, erklärt Ernährungswissenschaftlerin Dr. Sabine Schmidt aus Fernwald. Eltern sollten demnach die richtigen Speisen anbieten und selbst essen, während ein Kind bei einer gesunden Auswahl möglichst viel selbst bestimmt, was und wie viel es isst...

Viele Eltern sind bemüht, ihren Kindern beizubringen, wie man sich gesund ernährt. Nicht selten führt diese gute Absicht, zu heftigen Auseinandersetzungen am Familientisch. Eltern und Kind sind die Freude am Essen dann oft vergangen. Schade! Denn die gemeinsamen Mahlzeiten von Eltern und Kindern sind im Berufsalltag vieler Eltern selten genug. Wir fragten dazu die Ernährungswissenschaftlerin Frau Dr. Sabine Schmidt aus Fernwald.

Es heißt, die täglichen Mahlzeiten finden in Familien immer seltener gemeinsam am Tisch statt. Hat diese Entwicklung Auswirkungen auf das Essverhalten von Kindern im Hinblick auf Esskultur und das zunehmende Übergewicht?
Die von Ihnen genannte Entwicklung ist in Wirklichkeit nicht so dramatisch, wie sie oft dargestellt wird. Trotzdem: Kinder lernen essen, d.h. sie entwickeln ein bestimmtes Essverhalten in der Familie. Die Familie steuert das Lebensmittelangebot, in das ein Kind hineinwächst und das ihm damit von klein auf vertraut wird. Zusätzlich haben Eltern beim gemeinsamen Essen Einflussmöglichkeiten, die sie nicht haben, wenn Kinder allein oder außer Haus essen.

Was für Einflussmöglichkeiten haben Eltern denn beim Essen?
Wenn man zusammen isst, denkt man doch nicht unbedingt an Ernährungserziehung, sondern an eine schöne Atmosphäre und Gespräche mit den Kindern. Das ist auch gut so, denn eine entspannte Atmosphäre ist Voraussetzung für genussvolles und damit gesundes Essen. Es ist vor allem das Vorbild der Eltern, das Kinder beim Essen nachahmen. Wenn die Eltern also selbst ausgewogen und vielseitig essen und aufhören, wenn sie satt sind, dann erleben die Kinder dies als Normalität und übernehmen es erst einmal, vor allem, wenn sie noch klein sind.

Sie erwähnen, dass die Eltern "aufhören, wenn sie satt sind". Ist das ein wichtiger Punkt beim Essen?
Für die, die ihr Kind nicht auf Übergewicht programmieren wollen, ist es sogar ein sehr wichtiger Punkt. Babys verweigern Nahrung, wenn sie satt sind. Sie drehen den Kopf weg und schließen den Mund oder spucken aus. Schon Kleinkinder lassen sich von Erwachsenen zum Essen überreden. Zu Unrecht, denn die benötigte Energiemenge ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Ebenso ist sie von Tag zu Tag sehr unterschiedlich. Ein Kind kann an einem Tag fünf volle Mahlzeiten essen und am nächsten Tag wie ein Vögelchen "picken", das ist normal.

Wie sollen sich die Erwachsenen denn bezüglich der Essmenge ihres Kindes verhalten?
Ein Erwachsener kann höchstens ahnen, wie viel sein Kind bei einer Mahlzeit essen muss. Das Kind selbst spürt es. Dieses natürliche Gespür wird zerstört, wenn Erwachsene sich in die Essmenge zu sehr einmischen, d.h. die Portionen bestimmen und Kinder ihre Teller leer essen lassen. Ein Kind isst so viel es will und hört dann auf. Aufgabe der Erwachsenen ist es, mit den Kindern zu üben, sich nur so viel zu nehmen, wie sie essen können. Früher wurde das anders gelernt, deswegen fällt es vielen von uns äußerst schwer, einen Rest auf dem Teller zu lassen. Nicht das innere Gefühl, sondern ein leerer Teller sind zum Zeichen der Sättigung geworden.

Was können Eltern ihren Kindern sonst beim Essen vermitteln?
"Vermitteln" ist eigentlich eher die Sache der Schule. Wenn Eltern schon bei Kleinkindern anfangen mit "das ist gesund, das musst du essen", schaden sie der Entwicklung eindeutig.

Sollten Kinder denn nicht frühzeitig lernen, was gesund ist und was nicht?
Mit dem abstrakten Begriff "gesund" kann ein Kind vor dem Schulalter nichts anfangen. Es merkt aber sehr wohl, dass ihm etwas aufgezwungen werden soll. Eine wunderbare Gelegenheit, einen Machtkampf anzufangen. Das kann Mahlzeiten zu "Qualzeiten" machen: Von Essverweigerung über Stören bis zum Hineinstopfen, alles wird möglich. Also: Nicht reden, sondern vorleben, d.h. die richtigen Speisen anbieten und selbst essen. Und dann in möglichst großem Rahmen das Kind entscheiden lassen, was und wie viel es isst.

Autor: äin-red