Kinder- & Jugendärzte im Netz

Ihre Haus- & Fachärzte von der Geburt bis zum vollendeten 18. Lebensjahr

Herausgeber:

26.09.2011

Rheuma vor allem bei Kindern oft zu spät erkannt

Rheuma trifft Menschen jeden Alters. Gerade bei jungen Patienten wird die Krankheit jedoch oft nicht erkannt und falsch behandelt. Und es gibt zu wenig Fachärzte, beklagen Experten…

Rheuma ist keine Krankheit, an der nur Ältere leiden. Auch viele Kinder und junge Erwachsene erkranken daran. „Ich habe Patienten, die mit 25 bis 30 Jahren zu mir kommen“, berichtet Professor Hendrik Schulze-Koops, Leiter der Rheumaeinheit am Klinikum der Universität München. Häufig breche die Krankheit vor dem 40. Lebensjahr aus. Die jüngsten Patienten seines Kollegen Professor Johannes-Peter Haas, Chefarzt am Deutschen Zentrum für Kinder- und Jugendrheumatologie Garmisch-Partenkirchen, sind zwei Jahre alt.

Rheuma ist nicht gleich Rheuma. Rund 100 Krankheitsbilder werden darunter zusammengefasst. Dazu gehören die entzündlich rheumatischen Erkrankungen wie die rheumatoide Arthritis oder die Arthritis bei Schuppenflechte. In Deutschland leiden laut Schulze-Koops rund 3% der Bevölkerung an entzündlich rheumatischen Erkrankungen.

Rund 20.000 Kinder leiden Hochrechnungen zufolge in Deutschland an Rheuma. „Wir fürchten, dass ein Drittel nie einen Rheumatologen sieht“, kritisiert Haas. Denn gerade bei Kindern denkt kaum jemand an Rheuma. „Nach dem Fußballspiel ein dickes Knie“ - da ist für viele der Fall klar. „Wir bekommen immer wieder Kinder, die auf eine Sportverletzung behandelt wurden.“ Auch immer wiederkehrendes Fieber könne Rheuma bedeuten - und werde oft nicht erkannt.

Am häufigsten ist bei Kindern Gelenkrheuma (juvenile idiopathische Arthritis). Die Gelenkinnenhäute entzünden sich, die Gelenke schwellen an. Gefürchtete Komplikationen sind die Zerstörung der Kiefergelenke und eine Augenentzündung, die sehr schwer verlaufen kann - in manchen Fällen bis zur Erblindung.

Frühe Diagnose kann Gelenke rettenDabei kann bei einer frühen Diagnose - bevor Knochen und Knorpel geschädigt sind - mit neuen Medikamenten gut geholfen werden. „Eine rasche Therapie ist bei Kindern noch wichtiger als bei Erwachsenen - damit die Kinder eine normale und altersgerechte Entwicklung machen können“, erklärt Haas. Denn Gelenke im Wachstum sind noch anfälliger.

Biologika heißt das Zauberwort - die biotechnologisch herstellten Substanzen schrauben die aus dem Ruder gelaufene Immunreaktion des Körpers zurück. Damit geht die Entzündung zurück, die das Gelenk auf die Dauer zerstört. Die Krankheit wird zwar nicht geheilt, aber die zerstörerischen Folgen ausgeschaltet. „Mit modernen Medikamenten können wir heute nicht nur jede Gelenkzerstörung vermeiden, sondern vielen Patienten auch dauerhaft Symptomfreiheit ermöglichen“, sagt Schulze-Koops. Seit neuestem dürfen bestimmte Biologika schon bei Zweijährigen eingesetzt werden. Je nach Fall greifen die Ärzte auch auf die älteren Mittel wie Kortison oder Methotrexat zurück.

Die bessere Therapie führt zu weniger Operationen. Sei eine Entzündung medikamentös nicht in den Griff zu bekommen, müsse aber schnell gehandelt und das kranke Gewebe - meist minimalinvasiv - entfernt werden, so Stefan Schill vom Gelenkzentrum Rosenheim.

In ländlichen Regionen wenig RheumatologenDie Patienten-Organisation Deutsche Rheuma-Liga kritisiert, es gebe viel zu wenige Rheumatologen. Vor allem ländliche Gebiete seien massiv unterversorgt, beklagt Verbands-Präsidentin Erika Gromnica-Ihle. Die Diagnosezeit für die rheumatoide Arthritis betrage oft mehr als ein Jahr, bei entzündlichen Erkrankungen der Wirbelsäule können schon bis zu zehn Jahre vergehen, bis endlich eine richtige Diagnose durch den Facharzt gestellt wird. „Das ist viel zu lange.“ Denn dann seien schon häufig irreversible Schäden da. Es gebe zwar immense Therapiefortschritte. „Aber sie kommen nicht bei jedem Patienten an.“

Warum Rheuma ausbricht, ist ungeklärt. Genetische Faktoren bilden die Grundlage. „Dann kommen Umweltreize dazu, die wir aber bei den Kindern noch weniger kennen als bei den Erwachsenen“, räumt Haas ein. Zu dem Umweltreizen können Infektionen gehören, aber auch das Rauchen.

Quelle: dpa

Autor: äin-red