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15.01.2015

Plötzlicher Kindstod: Gehirnanomalie bei betroffenen Kindern gefunden

Amerikanische Forscher fanden bei mehr als 40% der Kinder, die am plötzlichen Kindstod (SIDS: Sudden Infant Death Syndrome) starben, eine Gehirnanomalie. Diese betraf den Hippocampus, eine Region, die u.a. über eine neurologische Verbindung mit dem Hirnstamm die Atmung, Herzfrequenz und Körpertemperatur beeinflusst. Nach Angaben der Wissenschaftler des National Institute of Health (NIH) war die Störung häufiger bei Säuglingen vorhanden, die an SIDS gestorben waren, als bei Säuglingen, deren Todesursache bekannt war.

Die Experten vermuten, dass die Anomalie nachts Unregelmäßigkeiten beim Atmen und bei der Herzfrequenz verursachen könnte bzw. während der periodischen kurzen Aufwachphasen. "Dieser neue Befund unterstützt mehrere Belege in der Vergangenheit, die darauf hinweisen, dass Anomalien im Gehirn möglicherweise vielen Fällen von plötzlichem Kindstod zugrunde liegen", verdeutlicht Dr. Marian Willinger, vom NIH Eunice Kennedy Shriver National Institute of Child Health and Human Development, das die Studie finanziert hat. "Die Hoffnung ist, dass durch weitere Erkenntnisse auf diesem Gebiet irgendwann auch gefährdete Kinder identifiziert werden können und somit auch deren Risiko verringert werden kann."

Forscher suchen immer noch nach eindeutigen Ursachen

Der Plötzliche Kindstod betrifft meist Säuglinge unter einem Jahr. Die Todesursache kann nach wie noch bei diesen Fällen nicht eindeutig bestimmt werden – auch wenn eine Autopsie vorliegt, die Todesumstände und die Familien- und Krankengeschichte bekannt sind. Bisher wurden mehrere präventive Faktoren ermittelt, wie Rückenlage, Schlafen im Schlafsack.

Die Arbeit über eine Beteiligung des Hippocampus bei den SIDS-Todesfällen wurde von Dr. Hannah C. Kinney und ihren Kollegen an der Kinderklinik von Boston, der Harvard Medical School in Boston, der Rechtsmedizinabteilung San Diego County Medical Examiner und Kollegen am Baylor College of Medicine in Houston in der Fachzeitschrift „Acta Neuropathologica“ veröffentlicht.

Die Wissenschaftler untersuchten Teile der Hippocampus von 153 Kindern. Sie waren zwischen 1991 und 2012 plötzlich und unerwartet verstorben.Der Hippocampus ist mit aktiv, wenn das Gehirn Erinnerungen sowie Gelerntes speichert und wenn es um die räumliche Orientierung geht. Auch an der Atmung und Herzfunktion wirkt der Hippocampus mit. Insbesondere beobachteten die Forscher eine Anomalie bei einer Struktur des Hippocampus, die als Gyrus dentatus bekannt ist. Bei den SIDS-Fällen sahen die Forscher, dass entlang des Gyrus dentatus in bestimmten Abständen eine doppelte Schicht von Nervenzellen vorhanden war, statt der üblichen einzelnen Schicht.
Die Anomalie im Gyrus dentatus konnte bei rund 43% der SIDS-Fälle (37 von 86 SIDS-Fälle) ermittelt werden.

Dr. Kinney und ihre Kollegen glauben, dass der veränderte Gyrus dentatus bei den SIDS-Fällen zu einer Instabilität in den Gehirnbereichen führt, die direkt für die Atmung und Herzfunktion verantwortlich sind.
"Das Muster der krankhaften Veränderungen im Gyrus dentatus lässt uns vermuten, dass es irgendwann eine Entwicklungsstörung in einer späten fötalen Phase oder in den Monaten nach der Geburt gegeben hatte", so Dr. Kinney. "Wir haben keine Anzeichen von Verletzungen erkannt, die auf Sauerstoffmangel oder auf Narbenbildung im Gehirngewebe oder Verlust von Nervenzellen hinweisen."

Die Anomalie wurde sowohl bei SIDS-Fällen, wo eine unsichere Schlafposition wie Bauchlage nachgewiesen werden konnte, als auch bei solchen, die auf dem Rücken lagen, entdeckt. Dr. Kinney schlussfolgert deshalb, dass bei Kindern mit dieser Hippocampus-Anomalie eine unsichere Schlafumgebung eine zugrunde liegende Instabilität der Herz- oder Atemfunktion verstärken kann. Dennoch ist Kinney zufolge mehr Forschung notwendig, um festzustellen, welche weiteren Faktoren die zugrundeliegende Instabilität aktivieren können.

Verschiedene Thesen um SIDS

In ihrem Artikel ergänzen die Forscher, dass die Hippocampus-Anomalie, die sie in den SIDS Fälle gefunden hatten, einer Hippocampus-Anomalie ähneln die bei Autopsien von Patienten mit Temporallappenepilepsie gefunden wurde. Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns, bei denen Betroffen meist wiederholte Krampfanfälle erleiden. Krampfanfälle sind Episoden gestörter Hirnaktivität, die zu Veränderungen in der Aufmerksamkeit, im Verhalten, bei der Atmung und in der Herzfunktion führen. Bei Epilepsien gibt es ein großes Spektrum von Erkrankungen des Gehirns, die von schweren, lebensbedrohlichen bis zu leichten Anfällen reichen. "Eines der Hirnareale, die für Epilepsie anfällig sind bzw. Anfälle mit auslösen können, ist der Hippocampus", erläutert Dr. Kinney.
In der Vergangenheit gab es auch die Theorie, dass SIDS durch einen nicht beobachteten Anfall verursacht werden könnte, bei dem es zu einem Herz- und Atemstillstand kommt.

Ähnliche Ursache bei SUDC?

Ein weiterer Hinweis auf die Möglichkeit einer Anomalie im Hippocampus stammte von früheren Forschungsarbeiten des Teams. Damals analysierten sie plötzlich und unerwartet nach dem 1. Lebensjahr auftretende Todesfälle. Auch hier hatten sie eine Anomalie in dieser Hirnstruktur gefunden. SUDC, Sudden Unexplained Death in Childhood, tritt ab dem 1. Lebensjahr auf und kann auch noch Jugendliche treffen. Diese Fälle sind weniger verbreitet als SIDS, aber wie bei SIDS kann auch bei SUDC keine Todesursache ermittelt werden, selbst nach einer vollständigen Autopsie.

Es bleiben noch Ungereimtheiten

Die Forscher wissen nicht, warum sie die Anomalie im Hippocampus nicht bei allen SIDS-Fällen gefunden haben, sondern nur bei etwa 43%. Dr. Kinney hat die These, dass SIDS ein Syndrom ist, das eine Reihe von verschiedenen Ursachen hat, und nicht das Ergebnis von nur einer einzigen Veränderung oder nur einer zugrundeliegenden Erkrankung ist. Aufgrund der kleinen Patientenanzahl können sich die Wissenschaftler auch nicht sicher sein, ob der Hippocampus-Anomalie eine wesentliche Rolle bei der Todesursache gespielt hat.
In früheren Arbeiten stellten Dr. Kinney und ihre Kollegen fest, dass viele Kinder, die an SIDS gestorben waren, Anomalien im Serotonin-Stoffwechsel aufwiesen. Möglicherweise könnte diese Abweichung zu einer Fehlentwicklung des Gyrus dentatus führen, so eine weitere Hypothese des Teams um Dr. Kinney.

"Die SIDS Forschung ist noch lange nicht abgeschlossen", so Dr. Kinney. Bisher sei die beste Methode, das Risiko für SIDS zu verringern, für eine sichere Schlafumgebung zu sorgen, rät Kinney.
Demnach sollten Säuglinge u.a. auf dem Rücken  - am besten in einem Kinderschlafsack  - schlafen, in ihrem eigenen Bett liegen, das eine feste Liegefläche hat. Auf diese Weise konnten die SIDS-Todesfälle deutlich verringert werden.

Quelle: medicalXpress, Acta Neuropathologica





Autor: äin-red