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20.07.2022

Mit COVID-19 stiegen die psychischen Probleme und Selbstmordversuche bei Jugendlichen

Ein pädiatrisches Krankenhaus in den USA, das Boston Children’s Hospital, verzeichnete einen Anstieg der Selbstmordversuche und verdoppelte die „Boarding“-Zeiten – vorübergehende Aufnahmen, bis eine psychiatrische Unterbringung und Versorgung möglich ist.

© imagesetc - Fotolia.com

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Das Boston Children’s Hospital berichtet von einer besorgniserregenden Zunahme psychischer Krisen bei Jugendlichen in den letzten zehn Jahren. Eine neue Studie unter der Leitung von Dr. Patricia Ibeziako, MD, stellvertretende Leiterin der klinischen Dienste in dem Department of Psychiatry and Behavioral Services des Boston Children’s Hospital, zeigt, dass sich die Situation mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie verschlechtert hat. Die Ergebnisse erschienen in „Hospital Pediatrics“.

Ibeziako und Kollegen werteten die eigenen Aufzeichnungen der Boston Children über einen zweijährigen Studienzeitraum aus – das erste Pandemiejahr (März 2020 bis Februar 2021) und das Jahr davor. Während dieser Zeit wurden fast 3.800 Kinder im Alter von 4 bis 18 Jahren aus psychischen Gründen in die Notaufnahme (ED) oder in stationäre Einheiten eingeliefert. Etwa 80% waren Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren.
Im Jahr vor der Pandemie hatten 50% der aufgenommenen Patienten Suizidgedanken oder einen Suizidversuch unternommen. Das stieg im ersten Pandemiejahr auf 60%. Die Zahl der Patienten, die tatsächliche Suizidversuche unternahmen, stieg von 236 auf 369 – von 12% auf 21% aller psychiatrischen Einweisungen.

„Die Mehrzahl der Suizidversuche waren Überdosierungen“, berichtete Ibeziako. „Wir haben Patienten ohne bekannte psychische Gesundheitsprobleme gesehen, die zum ersten Mal sich das Leben nehmen wollten, sowie Patienten mit bereits bestehenden und bekannten psychischen Problemen.“

Jugendliche müssen länger auf psychiatrische Unterbringung warten

Abgesehen von Suizidalität stiegen die psychiatrischen Einweisungen im Boston Children’s Jahr für Jahr: für depressive Störungen (von 63 auf 70% der Einweisungen), Angststörungen (von 46 auf 51%), Essstörungen (von 7 auf 14%) und substanzbedingte Störungen (7 bis 9%) und Zwangsstörungen (4 bis 6%). Die Einweisungen stiegen vor allem bei den Mädchen, deren Anteil von 56 auf 66% anwuchs.

Das „Boarding“ – die Betreuung von Patienten in der Notaufnahme oder in einer stationären Einheit, während sie auf eine psychiatrische Unterbringung warten – nahm im ersten Pandemiejahr dramatisch zu. 50% der aufgenommenen Patienten blieben zwei oder mehr Tage im Haus, gegenüber 30% im Vorjahr; die durchschnittliche Boardingzeit stieg von 2,1 auf 4,6 Tage.
Boston Children’s war damit nicht allein: In einer Umfrage vom März 2021 in 88 US-Krankenhäusern waren 99% Jugendliche zwischenzeitlich untergebracht, bis sie eine psychiatrische Unterbringung bzw. Betreuung erhielten.

„Während das Boarding die Sicherheit der Patienten gewährleistet, ist es für Familien ein von Natur aus stressiger Prozess, der mit viel Unsicherheit, Angst und Unvorhersehbarkeit verbunden ist“, verdeutlichte Ibeziako.

Ansturm auf psychiatrische Einrichtungen durch Corona verstärkt

COVID-19 habe den Ansturm auf psychiatrische Einrichtungen durch Jugendliche eindeutig verschärft, so Ibeziako. Es hätten sich dadurch auch große Mängel der psychiatrischen Versorgung von Kindern gezeigt und zu einer Krise geführt, die nicht verschwinden würde und eher stärker werde.

„Die Zunahme von Selbstmordgedanken und -versuchen hat schon vor der Pandemie begonnen“, ergänzte sie. „Die Pandemie hat diesen Trend nicht verändert – sie hat ihn nur verschlimmert.“

In einer Zeit, in der Jugendliche Kontakte knüpfen und Unabhängigkeit erlangen sollten, hatten sie durch das Homeschooling noch weniger Bewegung und Freiräume, wurden sozial isolierter und mehr an Bildschirme gebunden. Hinzu kommt der Stress, den COVID-19 vielen Familien auferlegt, der Verlust von Betreuern durch die Pandemie, die Absage oder Unterbrechung von Sportaktivitäten, Abschlussbällen und Abschlussfeiern sowie die zunehmende Klimaangst.

Aber der häufigste Risikofaktor für Jugendliche ist nach wie vor der akademische Druck: Hausaufgaben, gute Noten, Studienplatz. „Seit Jahren ist Schuldruck der Stressfaktor Nummer eins, von dem Jugendliche berichten, die sich mit einer psychischen Krise im Krankenhaus vorstellen“, betonte Ibeziako. „Wir sehen einen deutlichen Rückgang in den Sommermonaten, wenn die Kinder nicht zur Schule gehen.“

Quellen: Newswise, Hopsital Pediatrics, JAMA Network

Autor: äin-red