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15.03.2019

UNODC: Menschenhandel hat schreckliches Ausmaß erreicht

Menschenhandel gehört zu den lukrativsten kriminellen Aktivitäten der Welt und wächst schnell. Armut, Naturkatastrophen, bewaffnete Konflikte, Migration begünstigen Menschen- und insbesondere Kinderhandel. Dies zeigen eine europäische Studie und ein Bericht der UNODC auf.

Genaue Statistiken zum Kinderhandel gibt es nicht, da er illegal ist und auch nicht einheitlich erfasst wird. Schätzungsweise rund 4000–5000 Kinder wurden zwischen 2013 bis 2014 als Opfer von Menschenhandel in Ländern der Europäischen Union identifiziert – vermutlich ist die Dunkelziffer wesentlich höher. Darüber berichtet eine europäische Untersuchung im "European Journal of Pediatrics". Viele minderjährige Opfer erscheinen gar nicht als solche, da sie eine Zwangsheirat eingehen, betteln, Kinderarbeit leisten, als Dienstpersonal, Soldaten, Diebe oder Drogenschmuggler tätig sein müssen oder zur Prostitution gezwungen oder für Kinderpornographie missbraucht werden. Kinderhandel beinhaltet sogar das Entfernen von Organen und den Verkauf von Neugeborenen, u.a. für Adoptionen.

Vereinte Nationen prangern weltweiten Umfang des Menschenhandels an

Weltweit hat laut dem Global Report 2018 des United Nations Office on Drug and Crime (UNODC) der Menschenhandel furchtbare Dimensionen angenommen. Der Bericht, der Daten aus 142 Ländern zwischen 2014 und 2016 analysiert hat, weist auf zwei besonders beunruhigende Trends hin, sagt Angela Me, Leiterin des Forschungs- und Trendteams von UNODC. Der erste  Trend ist die wachsende Zahl von Mädchen, die Opfer von Menschenhandel werden - am häufigsten für sexuelle Ausbeutung. Der andere Trend ist die zunehmende Verbreitung des Menschenhandels als Kriegsinstrument.
Ungefähr 25.000 Fälle von Menschenhandel wurden 2016 an UNODC gemeldet, verglichen mit etwa 20.000 im Jahr 2014 und 17.000 im Jahr 2013. Die Zunahme kann tatsächlich auf mehr Menschenhandel beruhen oder darauf, dass es eine bessere Berichterstattung durch die Behörden gibt oder möglicherweise auf eine Kombination aus beiden, lautet der Kommentar von Diane Cole, einer Journalistin, in einem Bericht bei NPR über den U.N. Report.

Ausbeutung hat viele Formen

59% aller Opfer des Menschenhandels leiden unter sexueller Ausbeutung. Sie ist damit die häufigste Form des Menschenhandels, erklärte Me. Es gibt jedoch viele andere Arten der Ausbeutung. Zwangsarbeit ist die zweithäufigste Form des Menschenhandels mit insgesamt 34% und 82% bei Männern. Am verbreitetsten ist Menschenhandel in Süd-, Ost- und Westafrika sowie in den Ländern des Nahen Ostens.

Zwangsarbeit reicht von landwirtschaftlicher Arbeit bis zu Hausarbeit - ebenso wie Bergbau (u.a. auch Gold, Diamanten und Mineralien), insbesondere in Afrika südlich der Sahara.

Es gibt noch andere Gründe, warum Menschen Menschenhändlern zum Opfer fallen, ergänzte Me. Eine davon ist die Organentnahme für Transplantationen, wobei der Bericht Schätzungen zitiert, die davon ausgehen, dass  zwischen 5 und 10% aller weltweiten Nieren- und Leberspenden über den Menschenhandel organisiert würden.

Konflikte begünstigen Menschenhandel – insbesondere mit Kindern

Dem Bericht zufolge gibt es heute in mehr Ländern gewalttätige Konflikte als in den letzten 30 Jahren. Krisen haben Millionen von Menschen dazu getrieben, aus ihrer Heimat zu fliehen. Die Migration macht sie anfällig für Menschenhändler, die vortäuschen, Arbeitsplätze oder Reiseunterstützung anzubieten und Hilfesuchende schließlich in die Zwangsarbeit, in die Prostitution oder anderen Formen der Ausbeutung bringen.

Am stärksten gefährdet sind allein reisende Kinder, die oft im Konfliktverlauf von Familien und Gemeinschaften getrennt wurden. Jungen werden meistens für militärische Zwecke als Soldaten, Leibwächter oder Arbeiter rekrutiert, die bewaffneten Gruppen helfen, von Lager zu Lager zu ziehen. UNICEF hat sogar den Einsatz von Kindern im Alter von acht Jahren bei Selbstmordattentaten dokumentiert.

Mädchen werden zunehmend Opfer

Immer mehr Mädchen werden Opfer von sexueller Ausbeutung oder erzwungener Hausarbeit. Dem Bericht zufolge waren 23% der Opfer des Menschenhandels 2017 Mädchen unter 18 Jahren, verglichen mit 21% im Jahr 2014 und 10% im Jahr 2004.

Zwangsverheiratung - Mädchen und Frauen, die als nicht einvernehmliche Sexpartner und für die Hausarbeit festgehalten werden - ist in Ländern mit bewaffneten Konflikten weit verbreitet. In Sierra Leone zum Beispiel haben bewaffnete Gruppen Frauen im Alter zwischen 13 und 22 Jahren gesucht und dazu gezwungen, ihre Frauen zu sein, wie der Bericht des Landes von 2016 - Truth and Reconciliation Commission Report - beschreibt.

Menschenhandel findet überall statt

Die Mehrheit der Opfer wird in ihren eigenen Ländern oder Regionen weitergegeben. Von den gemeldeten Fällen wird jedoch jedes zehnte Opfer in einen anderen Teil der Welt transportiert. Für letztere Aktivitäten sind umfangreiche Vorkehrungen notwendig, die größerer Organisationen erforderten, so Me. Viele Routen haben ihren Ursprung in Afrika südlich der Sahara und in Ostasien und führen von dort in den Nahen Osten oder nach West- und Südeuropa.

Bessere Bekämpfung des Menschenhandels

Bei der Bekämpfung des Menschenhandels seien gewisse Fortschritte zu verzeichnen, erklärte Me. In fast jedem Land der Welt sind Gesetze gegen Menschenhandel verabschiedet worden. Allerdings müsse noch mehr getan werden, um die Opfer zu schützen.

Auch die Datenerhebung, die zur Bekämpfung von Menschenhändlern und zur Planung von Initiativen zur Bekämpfung des Menschenhandels beitragen kann, verbessert sich. UNODC hat kürzlich eine neue Methode zur Schätzung der Zahl der Opfer des Menschenhandels (Multiple Systems Estimation, MSE) in vier europäischen Ländern getestet.

In den Niederlanden stellte MSE fest, dass es vier- bis fünfmal so viele Opfer gibt, wie bisher angenommen, vor allem minderjährige niederländische Mädchen - ein Ergebnis, das wiederum zu politischen Diskussionen über den Start von Programmen an niederländischen Schulen führte, die dafür sensibilisieren sollen.

Quelle: UNODC, NPR, European Journal of Pediatrics



 




Autor: äin-red