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15.04.2005

Kind mit tödlichem Masernvirus infiziert

Masernviren können Jahre nach einer Infektion in das Gehirn des Betroffenen eindringen und dort Nervenzellen zerstören. Ein sechsjähriger Junge aus Ostwestfalen ist an dieser tödlichen Gehirnentzündung SSPE (Subakute sklerosierende Panenzephalitis) erkrankt. Er hatte sich im Alter von fünf Monaten mit Masern infiziert. Je jünger Kinder bei einer Maserninfektion sind, desto höher ist das Risiko, Jahre später an einer SSPE zu erkranken. Bei Kindern unter einem Jahr kann das Risiko einer SSPE bei 1:5.000 liegen...

Ein 6-jähriger Junge aus der Nähe von Bielefeld (Ostwestfalen) ist an der tödlichen Gehirnentzündung SSPE (Subakute sklerosierende Panenzephalitis) erkrankt. Die SSPE ist Spätfolge einer Masern-Infektion. Der Bub hatte sich als Säugling im Alter von fünf Monaten mit dem Masernvirus angesteckt. "Unser Micha war ein aufgewecktes, lebensfrohes und sehr sportliches Kind. Erst im letzten Jahr haben wir Veränderungen bemerkt. Er wurde zunehmend aggressiver und unkonzentrierter - auch Koordinationsstörungen traten auf. Das ging so weit, dass er mit dem Laufen Schwierigkeiten hatte. Wir haben dann einen Spezialisten aufgesucht - die Diagnose war für uns alle ein Schock", berichtet Oxana G., die außer ihrem Sohn noch drei weitere Kinder hat.

Ausgelöst wird diese irreversible und immer bis zum Tod fortschreitende Krankheit durch Masernviren, die nach einer Infektion in das Gehirn des Betroffenen eindringen und dort Nervenzellen zerstören. Zwischen Infektion und dem Ausbruch der ersten Symptome liegen mehrere Jahre. "Wir wissen nicht, weshalb bei manchen Menschen diese Erkrankung ausbricht und bei anderen nicht. Jungen scheinen häufiger betroffen zu sein als Mädchen - eine Therapie gegen die SSPE gibt es leider nicht", erklärt Prof. Heinz-J. Schmitt, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI) und Infektiologe an der Universitätsklinik in Mainz.

Mehr als 100 Fälle in Deutschland
"In vielen Lehrbüchern wird die Häufigkeit von SSPE mit etwa 1-5 Fällen auf eine Million Masernerkrankungen angegeben. Wir haben in der Vergangenheit zwischen 5 und 10 Fällen pro Jahr diagnostiziert – insgesamt 120 Fälle seit 1988. Bezogen auf die Zahl der Maserninfektionen in Deutschland heißt das, die SSPE kommt möglicherweise deutlich häufiger vor, als bisher angenommen", warnt Dr. Benedikt Weißbrich vom Institut für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass SSPE-Fälle nicht an das RKI in Berlin gemeldet werden. Daher fehlen verlässliche Angaben über die tatsächlichen Fallzahlen in Deutschland.

In Österreich wurden in den letzten 10 Jahren mindestens 16 Fälle dieser tödlichen Erkrankung bekannt. "Seit 1997 haben wir allein an unserem Institut 15 Menschen mit SSPE diagnostiziert. Wir gehen davon aus, dass viele dieser Erkrankungen ausgelöst wurden durch die großen Masernepidemien in den Jahren 1994-1996 mit etwa 30.000 Infektionen. Das bedeutet, dass die SSPE viel häufiger vorkommt, als dies den meisten Ärzten bekannt ist. Es ist ein Skandal, dass Menschen in entwickelten Ländern wie Österreich oder Deutschland noch immer an dieser Infektionskrankheit sterben", kritisiert Prof. Dr. Heidemarie Holzmann vom Institut für Virologie in Wien die mangelnden Durchimpfungsraten in diesen beiden Ländern.

Der STIKO-Vorsitzende Professor Schmitt warnt vor weiteren SSPE-Fällen in Deutschland. "Die letzten größeren Masernepidemien in Deutschland liegen erst wenige Jahre zurück – SSPE-Fälle treten im Schnitt erst sieben Jahre nach einer Maserninfektion auf. Je jünger Kinder bei einer Maserninfektion sind, desto höher ist das Risiko, später an einer SSPE zu erkranken. Bei Kindern unter 1 Jahr kann das Risiko einer SSPE bei 1:5.000 liegen", zitiert Professor Schmitt die Ergebnisse einer britischen Untersuchung.

Impfung einziger Schutz
Die STIKO empfiehlt zwei Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) in einem Alter zwischen 11 und 24 Monaten. "Vielen Eltern aber auch vielen Ärzten ist nicht bewusst, wie gefährlich Masern sein können. Die Zahl der Kinder, die hierzulande an der SSPE sterben ist erschreckend hoch. Schicksale wie die des kleinen Micha sind furchtbar. Aber leider gibt es noch immer Masernausbrüche in Deutschland. Es ist unsere Aufgabe auch diejenigen vor einer Ansteckung zu bewahren, die noch keinen eigenen Schutz haben oder mit einem geschwächten Immunsystem leben müssen", appelliert Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat für Deutschland das Ziel ausgegeben, die Masern bis 2010 zu eliminieren. Dazu sind Impfquoten für die erste und die zweite MMR-Impfung von über 90% nötig. "Gemeinsame Anstrengungen von Ärzten, Krankenkassen und zuallererst der Politik sind erforderlich, um in Deutschland endlich bei den Durchimpfungsraten internationalen Standard zu erreichen. Impfgegnern, die wissenschaftlich unhaltbare Behauptungen verbreiten und Eltern verunsichern, muss mit Entschiedenheit begegnet werden. Meinungsfreiheit hat dort ihre Grenzen, wo durch falsche Behauptungen Kinder schwer an vermeidbaren Krankheiten erkranken, Dauerschäden davontragen oder sogar sterben", kritisiert Hartmann.

Autor: äin-red