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11.02.2022

Hat Pandemie Einfluss auf die Entwicklung von Babys?

Eine kleine Studie legt nahe, dass sich durch die Pandemie bei einigen Babys die Entwicklung etwas verzögern könnte. Sechs Monate alte Kinder, die während der Pandemie geboren wurden, schnitten bei Entwicklungstests in dieser amerikanischen Untersuchung etwas schlechter ab. Nicht an der Arbeit beteiligte Forscher mahnen aber zur Vorsicht bei der Interpretation dieser Ergebnisse.

Babys, die im Jahr 2020 während der COVID-19-Pandemie in zwei New Yorker Krankenhäusern geboren wurden, schnitten laut einer neuen Studie im Alter von 6 Monaten bei Entwicklungstests etwas schlechter ab als Babys, die vor der Pandemie geboren wurden.

Die in „JAMA Pediatrics“ veröffentlichte Studie ergab, dass 6 Monate alte Säuglinge aus der Pandemie-Ära nach den Angaben ihrer Mütter bei den motorischen und sozialen Fähigkeiten etwas geringer punkteten als Babys, die vor Ausbruch der Pandemie geboren worden waren.

Nur minimale Unterschiede

„Dies waren keine großen Unterschiede … nur kleine Verschiebungen der Durchschnittswerte zwischen den Gruppen“, verdeutlichte die leitende Wissenschaftlerin Dr. Dani Dumitriu, eine Pädiaterin an der Columbia University. Ihrer Vermutung nach könnte der Stress der Eltern in Pandemiezeiten zu den Unterschieden beitragen. „Aber diese kleinen Verschiebungen sollten dennoch aufmerksam beobachtet werden, da sie auf Bevölkerungsebene erhebliche Auswirkungen haben können.“

Keine langfristigen Folgen ableitbar

Sie fügte hinzu, dass diese leichte Verlangsamung der neuronalen Entwicklung bei einzelnen Babys nicht unbedingt langfristige Ergebnisse vorhersage. „Mit 6 Monaten sind Babys extrem formbar – ihre Gehirne sind darauf ausgerichtet zu ihrer ‚vorprogrammierten‘ neurologische Entwicklung zurückzukehren.“
Andere Forscher weisen darauf hin, dass in der Studie weniger als 300 Säuglinge untersucht wurden und dass Gruppen, die vor und während der Pandemie geboren wurden, unterschiedliche Merkmale aufwiesen. Deshalb sollten die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden.

Forschung, die sich mit brandaktuellen Fragen befasst

„Dies ist ein schönes Beispiel für ‚responsive Science‘ – Forschung, die sich so schnell wie möglich mit realen Fragen befasst. Der Nachteil ist, dass wir keine vollständigen oder absolut zuverlässigen … Schlussfolgerungen erwarten sollten“, betonte Tom O’Connor, ein Psychologe an der University of Rochester, der sich mit pränatalem Stress und seine Auswirkungen auf Kinder beschäftigt.
Für die aktuelle Studie untersuchten die Forscher den Entwicklungsstand von 227 Säuglingen aus der Pandemie-Ära, die in zwei Krankenhäusern im Norden Manhattans, dem New York-Presbyterian Morgan Stanley Children's Hospital und dem New York-Presbyterian Allen Hospital, auf die Welt kamen. Das Team verglich diese Säuglinge mit 62 Babys, die in den 2 Jahren vor der Pandemie in einem der Krankenhäuser geboren wurden.

In beiden Gruppen absolvierten die Mütter während des fünften oder sechsten Lebensmonats des Säuglings einen allgemein üblichen Test, der die neurologische Entwicklung des Kindes erfassen soll. Die 30 Fragen bewerten motorische, kommunikative, Problemlösungs- und persönlich-soziale Fähigkeiten, etwa ob ein Säugling den Kopf zu einem lauten Geräusch dreht, nach etwas greift oder sich vom Rücken auf den Bauch rollt.

Die Präpandemie- und Pandemie-Gruppen unterschieden sich zwar demografisch, aber die Forscher sagen, dass ihre Analyse an diese Unterschiede angepasst wurde, wie bezüglich des Geschlechts und des Alters des Babys bei der Geburt (z.B. Frühgeburt oder zeitgerecht geboren), des Alters der Mutter bei der Geburt sowie der ethnischen Zugehörigkeit, des Bildungsniveaus und der vorherigen Schwangerschaften der Mutter.
Die Forscher fanden heraus, dass die Fein- und Grobmotorik von Babys und ihr soziales Verhalten –wie z.B., ob ein Säugling anders mit Fremden als mit Bezugspersonen interagiert – bei Säuglingen, die zwischen März und Dezember 2020 geboren wurden, signifikant niedriger waren als bei Babys, die vor der Pandemie auf die Welt gekommen waren.

Die niedrigsten Werte traten bei Säuglingen auf, die von Müttern geboren wurden, bei denen das erste Trimester der Schwangerschaft mit dem ersten Höhepunkt der Pandemie in New York City zusammfiel. Als den ersten Höhepunkt der Pandemie definierten die Wissenschaftler die Phase vom 7. März bis 6. April 2020. Die Experten vermuten, dass die Verzögerungen durch mütterlichen Stress verursacht sein können. Frühere Forschungsergebnisse deuten bereits daraufhin, dass mütterlicher Stress in der Frühschwangerschaft einen größeren Einfluss auf die sozio-emotionalen Funktionen des Säuglings haben könne als Stress in der späteren Schwangerschaft.

Einschränkungen der Studie

Die Studie hat einige Einschränkungen, einschließlich der Tatsache, dass die Berichterstattung der Mütter über die Fähigkeiten ihrer Babys durch die Wahrnehmung der Eltern verzerrt sein kann und dass es schwierig ist, die Entwicklung bei 6 Monate alten Kindern mit irgendeiner Methode zu beurteilen.
Einige Wissenschaftler sind skeptisch. „Die Stichprobengrößen in allen Gruppen sind extrem klein, um auf der Grundlage von Gruppenvergleichen verlässliche Schlussfolgerungen ziehen zu können“, kommentierte Suzanne King, eine Entwicklungspsychologin an der McGill University, die die Entwicklung von Kindern untersucht, die als Ungeborene mütterlichem Stress aufgrund von Naturkatastrophen ausgesetzt sind.

Und die statistischen Bemühungen des Teams, soziale Faktoren zu kontrollieren, haben möglicherweise nicht ausgereicht, um andere Einflüsse zu beseitigen, fügte Mollie Wood, eine perinatale Epidemiologin von der University of North Carolina, Chapel Hill, hinzu.

Insgesamt betont O’Connor, Psychologe an der University of Rochester, dass die Studie eine wichtige Tatsache hervorhebt: „Wir müssen die Risikoexposition während der Pandemie als umfassender betrachten als nur im Zusammenhang mit dem Virus.“

Quellen: Science.org, JAMA Pediatrics

Autor: äin-red