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11.11.2019

Hat eine „Kinderkrankheit“ die Neandertaler ausgerottet?

Forscher vermuten, dass ständige Ohrentzündungen und keine exotischen Krankheitserreger mit für den Untergang der Neandertaler verantwortlich waren. Die Ohren der Neandertaler waren besonders infektanfällig, da die Struktur der Eustachischen Röhre (Ohrtrompete) ähnlich wie bei kleinen Kindern nur eine geringe Neigung besaß, so dass Bakterien nicht so leicht abfließen konnten.

© Manuel Tennert - Fotolia.com

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Warum der Homo sapiens sich weiter entwickelte, als die Neandertaler vom Aussterben bedroht waren, ist bis heute noch nicht eindeutig geklärt. War es eine Seuche, mit der sich nur Neandertaler ansteckten? Gab es in ihren Heimatländern in Eurasien ein katastrophales Ereignis, das zu ihrem Verschwinden führte?

Eine neue Studie eines Teams von Anthropologen und Anatomen, die sich auf den Kopf- und Nackenbereich spezialisiert haben, legt eine weniger dramatische, aber ebenso tödliche Ursache nahe.
In der Zeitschrift „The Anatomical Record“ stellen die Forscher ihre Theorie dar. Demnach vernichtete die Neandertaler kein exotischer Krankheitserreger, sondern eine heute harmlose Erkrankung im Kindesalter: chronische Ohrenentzündungen.

"Es mag weit hergeholt klingen, aber als wir zum ersten Mal die Eustachischen Röhren von Neandertalern rekonstruierten, stellten wir fest, dass sie denen von Säuglingen bemerkenswert ähnlich sind", erklärte der Co-Investigator und Associate Professor Dr. Samuel Márquez von der Downstate Health Sciences University. "Mittelohrentzündungen sind bei Säuglingen nahezu allgegenwärtig, da der flache Winkel der Eustachischen Röhre eines Kindes dazu neigt, die Bakterien zurückzuhalten, die diese Infektionen verursachen können - der gleiche flache Winkel, den wir bei Neandertalern gefunden haben."

Im Zeitalter von Antibiotika sind diese Infektionen leicht zu behandeln und für menschliche Babys relativ ungefährlich. Darüber hinaus verlängern sich die Eustachischen Röhren bei Kindern um das fünfte Lebensjahr und der Winkel wird spitzer, wodurch Keime und Ähnliches besser aus dem Ohr abfließen können. Und damit hören auch die wiederkehrend Ohrentzündungen auf.
Aber im Gegensatz zu modernen Menschen änderte sich die Struktur der Eustachischen Röhren bei Neandertalern nicht mit zunehmendem Alter - was bedeutet, dass diese Ohrinfektionen und ihre Komplikationen, einschließlich Infektionen der Atemwege, Hörverlust, Lungenentzündung und Schlimmeres, nicht nur chronisch werden konnten, sondern eine lebenslange Bedrohung für ihre Gesundheit und ihr Überleben darstellten.

"Es ist nicht nur die Gefahr, an einer Infektion zu sterben", verdeutlichte Professor Márquez. „Wer ständig krank und nicht fit ist, der kann nicht erfolgreich im Wettbewerb gegen den Homo sapiens um Nahrung und andere Ressourcen kämpfen.“ In einer Welt, in der nur die Fittesten überlebten, hatte der Neandertaler keine Chance gegen den Homo sapiens.

"Die Stärke der Studie liegt in der Rekonstruktion der knorpeligen Eustachischen Röhre", sagte Prof. Dr. Richard Rosenfeld, Vorsitzender für HNO-Heilkunde bei SUNY Downstate und bekannter Experte für Kindergesundheit. "Dieses neue und bisher unbekannte Verständnis der Mittelohrfunktion im Leben von Neandertalern ermöglicht es uns, neue Rückschlüsse auf die Auswirkungen auf ihre Gesundheit und Fitness zu ziehen."

Quellen: EurekAlert!, SUNY Downstate Health Sciences University,
The Anatomical Record

 

Autor: äin-red