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23.07.2020

Diagnose: Kinderarmut

BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: „Armut wird immer mehr zum Krankheitsrisiko für Kinder! Wir brauchen eine sozialkompensatorische Förderung armer Kinder und nicht mehr Therapien.“

Die Bertelsmann-Stiftung hat ein Fact Sheet zur Entwicklung von Kinderarmut veröffentlicht. Danach leben 2,8 Millionen Kinder, also jedes fünfte Kind in Deutschland - in Hartz-IV-Haushalten und in Familien, deren Einkommen von weniger als 60 Prozent des allgemeinen Einkommensmittelwerts haben. Seit Jahren habe sich an dieser Zahl nichts geändert.

Aus Sicht des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sind vor allem die Gesundheitsgefahren durch Armut bedrohlich. „Arme und von Armut bedrohte Kinder brauchen mehr nachhaltige Hilfen und Förderung, bisher versagt die Politik in diesem Punkt“, sagte heute in Köln BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach: „Wir Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte sehen in unseren Praxen jeden Tag, was Armut mit Kindern macht. Übergewicht, faule Zähne, Entwicklungsdefizite, schweres Asthma und schwere Unfälle treffen Kinder aus armen Familien deutlich häufiger als ihre wohlsituierten Altersgenossen. Wir sehen vor allem Kinder mit sozial bedingten Entwicklungsdefiziten, Sprachstörungen und Verhaltensauffälligkeiten. Wir können diese Störungen diagnostizieren, aber nicht heilen - weder durch ärztlichen Rat, noch durch die Überweisung zu Ergo- und Sprachtherapie. Kinder haben das Recht auf ein gesundes Aufwachsen. In Deutschland wird dieses Recht millionenfach gebrochen. Die Politik muss viel konsequenter als bisher von den Bedarfen der Kinder her denken. Möglich ist etwa eine Kindergrundsicherung, wie sie viele Experten und unter anderem auch die Bertelsmannstiftung fordern. Viel wichtiger aber ist uns noch der Ausbau der Betreuungs- und Beratungsangebote. Gerade Kinder aus armen Familien, die oft zu Hause nicht ihren Begabungen gemäß angeregt und gefördert werden, die keine strukturierten Tagesabläufe, kein Vorlesen und keine gemeinsamen Freizeitaktivitäten kennen, müssen in Kitas und Schulen kompensatorisch gefördert werden. Dafür müssen die Betreuungseinrichtungen aber personell und fachlich besser als bisher ausgestattet werden. Zahlreiche Studien haben inzwischen bewiesen, dass die Kita die wichtigste außerhäusliche vorschulische Fördereinrichtung ist und vor allem für sozial benachteiligte Kinder in Bezug auf Bildungs- und Sozialprognose mindestens so wichtig ist wie die Schule.

Für die Eltern brauchen wir eine bessere Vernetzung der Hilfestrukturen. Gesundheitssystem, Jugendämter, soziale Dienste, Kitas und Schulen müssen besser als miteinander vernetzt werden und für die Eltern niedrigschwellig erreichbar sein. Wir wünschen uns eine gemeinsame Versorgungsstruktur mit Kitas als Kern, wo Eltern Hilfe und Stütze finden. Wir können es uns nicht leisten, jedes fünfte Kind in Deutschland zurückzulassen!“

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Dies ist eine Pressemeldung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ). Der Abdruck dieser Pressemeldung oder von Teilen des Artikels ist unter folgender Quellenangabe möglich: www.kinderaerzte-im-netz.de. Bei Veröffentlichung in Online-Medien muss die Quellenangabe auf diese Startseite oder auf eine Unterseite des BVKJ-Elternportals verlinken. Fotos und Abbildungen dürfen grundsätzlich nicht übernommen werden.


Autor: äin-red