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12.05.2005

Das Zahnen und die "Bernsteinlegende"

Viele (Groß)Eltern glauben, sie können ihrem (Enkel)Kind das Zahnen mithilfe einer Bernsteinkette erleichtern. Doch dieser Aberglaube kann gefährliche Auswirkungen haben...

Der erste Zahn! Kaum etwas ruft so viel Jubel und Staunen bei Eltern und Großeltern hervor wie die kleinen weißen Zacken, die sich eines Tages durch den Unterkiefer schieben. Das Baby ist dann meist zwischen sechs und acht Monaten alt, manchmal schon ein Jahr. In die Freude mischen sich aber oft auch Sorge und Unsicherheit: Das Kind ist unruhig, weint, es hat Fieber oder Durchfall, der Kiefer ist stark gerötet. Dass das Zahnen Kinder krank macht, ist jedoch ein Aberglaube. Allerdings einer, der sich seit Jahrhunderten hartnäckig hält. Wahr ist vielmehr, dass Kinder bis zum dritten Lebensjahr, also in der Zeit des Zahnens, in der Regel etwa zehn Infekte im Jahr durchmachen. Da ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der ein oder andere auch mal mit dem Durchbruch eines neuen Zahns zusammenfällt. Der populäre Rat, mit einer Kette aus Bernstein das Zahnen zu erleichtern, ist daher wissenschaftlich unhaltbar, überflüssig und sogar gefährlich: Die Ketten können das Kind beim Spielen und auch Schlafen verletzen und sogar strangulieren, wenn sie sich irgendwo verhaken. Reißt die Kette, besteht die Gefahr, dass das Kind Steine in den Mund nimmt und verschluckt oder dass es sie in Nase und Ohren steckt, warnt Dr. Sylvia Schuster, Pressesprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein.

Was beim Zahnen wirklich hilft

  • Kleine Halstücher halten den reichlich fließenden Speichel von der Kleidung fern.
  • Zahnende Kinder beißen gerne auf harten Gegenständen herum. Damit unterstützen sie instinktiv den Durchbruch der Zähne und massieren das gereizte Zahnfleisch. Ein leichter, gut zu greifender Beißring hilft dabei. Beißringe mit dem Weichmacher Phthalat sind in der EU inzwischen verboten. Sicherheitshalber sollten Eltern jedoch auf den Vermerk „ohne Weichmacher“, „ohne Phthalat“ oder „PVC-frei“ achten oder gleich Modelle aus Polyethylen (PE) oder Polypropylen (PP) kaufen.
    Mit Flüssigkeit gefüllte Ringe nur im Kühlschrank kühlen. Im Eisfach werden sie zu kalt und können die zarte Mundschleimhaut des Babys verletzen.
  • Veilchenwurzeln gelten als natürliche Alternative zu Beißringen. Es gibt sie in Apotheken. Besser und billiger ist jedoch eine harte Brotrinde oder eine Karotte, aber immer unter Aufsicht, da sich das Kind an abgebissenen Stücken verschlucken könnte.
  • Die meisten Babys mögen es auch, wenn man ihre Zahnleiste (natürlich mit sauberem Finger, evtl. mit schmerzlinderndem Gel) sanft massiert.
  • Zäpfchen und andere Schmerzmedikamente sind dagegen überflüssig.

Beißen statt saugen?
Die ersten Zähne bedeuten nicht, dass das Kind nun abgestillt werden muss. Während des Trinkens kann das Baby nicht in die Brust beißen. Allerdings kann es gegen Ende der Stillmahlzeit seine Zähnchen ausprobieren und empfindlich zwicken. Im Übrigen sind die Zähnchen ein Hinweis der Natur darauf, dass das Kind nun bald festere Nahrung zu sich nehmen kann.


Autor: äin-red