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29.04.2019

Brasilianische Forscher: Smartphone-Sucht gibt es tatsächlich

Brasilianische Forscher schätzen Smartphone-Sucht als reales psychisches Problem ein, das u.a. bei betroffenen Patienten die Entscheidungsfindung beeinträchtigt.

© mariesacha - Fotolia.com

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Laut einer Gruppe von brasilianischen Wissenschaftlern aus dem Bereich Psychiatrie und Psychologie verursacht Smartphone-Sucht viele Probleme, und die Forscher weisen u.a. nach, dass die Smartphone-Sucht die Entscheidungsfindung von Betroffenen beeinträchtigt. Ihre Ergebnisse haben sie in der Fachzeitschrift „Frontiers in Psychiatry“ veröffentlicht.

Es gibt keine offizielle Krankheitsbezeichnung „Smartphone-Sucht“, sie wird von der Psychiatrie nicht als formale Diagnose anerkannt. Kritiker sagen, dass eine problematische Nutzung des Smartphones in der Regel ein Symptom für tiefer liegende Probleme sei und dass es unangemessen sei, von Sucht in Bezug auf Technologie zu sprechen. Andere Experten glauben dagegen, dass Smartphone-Sucht real sei, und sie haben Belege dafür gefunden, die darauf schließen lassen, dass diese Art von Sucht mit einer verschlechterten Schul- und Arbeitsleistung, mit Schlafstörungen, depressiven Symptomen, Vereinsamung, einem verminderten Wohlbefinden und einem erhöhten Risiko für Verkehrsunfälle einhergeht. 

Studien deuten darauf hin, dass die Anzahl der Personen, die möglicherweise unter Smartphone-Sucht leiden) hoch ist - etwa 25% der Bevölkerung in den USA; 10% der Jugendlichen in Großbritannien; und 43% der Menschen in Brasilien, wo die aktuelle Studie durchgeführt wurde. Smartphone-Sucht wird u.a. definiert als Schwierigkeit, den Umgang mit dem Smartphone zu kontrollieren. Betroffene haben ständige Angst hat, einmal ohne Smartphone auskommen zu müssen, und sind übellaunig, wenn das Handy nicht verfügbar ist.

Beeinträchtigte Entscheidungsfindung bei Abhängigkeit

Frühere Arbeiten haben gezeigt, dass Menschen mit anderen Formen der Abhängigkeit, einschließlich Drogen- und Spielsucht, in mehrdeutigen Situationen eine beeinträchtigte Entscheidungsfindung zeigen, jedoch nicht, wenn die mit einer Entscheidung verbundenen Risiken klar umrissen sind. Julia Machado Khoury von der Federal University of Minas Gerais und ihre Kollegen, darunter Laborleiter Frederico Duarte Garcia, wollten wissen, ob dies auch für Menschen mit Smartphone-Sucht gilt. Anhand einer brasilianischen Version des Smartphone Addiction Inventory, das 2014 erstellt wurde, identifizierten die Forscher 47 Studenten im Alter von 18 bis 25 Jahren, für die Smartphone-Sucht zutraf. 

Die Forscher verglichen die Leistung dieser Studenten mit denen von 43 ähnlichen Studenten ohne Sucht. Bei der sogenannten „Iowa-Glücksspielaufgabe“, die echte Entscheidungen simulieren soll, müssen die Teilnehmer so viel Geld wie möglich verdienen, indem sie verdeckte Karten aus vier verschiedenen Ablageflächen auswählen. Jede Karte zeigt an, ob sie Geld verdient oder verloren haben. Zwei Flächen erweisen sich auf lange Sicht vorteilhafter, aber die Teilnehmer müssen dies durch Ausprobieren für sich selbst herausfinden.

Zusätzlich sollten sie eine Würfelspielaufgabe lösen. Dabei sollten die Teilnehmer mehrmals würfeln, wobei die Regeln und die Wahrscheinlichkeiten für das Gewinnen verschiedener Beträge stabil und so durchweg vorhersehbar waren. Auch hier war es die Aufgabe, so viel Geld wie möglich zu verdienen.
Studenten, die hohe Werte für eine Smartphone-Sucht aufwiesen, schnitten beim Würfelspiel etwa genauso gut wie Studenten ohne Schmartphone-Sucht ab. Aber bei der „Iowa-Glücksspielaufgabe“ (Iowa Gambling Task) waren sie schlechter - und je schwerwiegender ihre „angebliche“ Sucht war, desto schlechter war ihre Leistung.

Zugleich stellten die Forscher bei der Messung der Hautleitfähigkeit fest, dass Personen mit Smartphone-Sucht stärker auf Belohnungen (Gewinnen) und geringer auf Strafen (Verlieren) reagierten. 

Sie argumentieren, dass die Entscheidungen derjenigen, die eine starke Smartphone-Sucht zeigen, eher von der Suche nach Belohnungen als von der Vermeidung von Strafen geleitet werden. Dies könne ihrer Meinung dazu beitragen, dass Patienten ihre Sucht aufrechterhalten oder sogar noch verstärken und die schulischen Leistungen abnehmen und sich die sozialen Beziehungen verschlechtern. Machado Koury und ihre Kollegen vermuten, dass Personen mit bereits bestehenden Tendenzen, Belohnungen zu bevorzugen, anstatt Strafen zu vermeiden, leicht eine Smartphone-Sucht entwickeln, welche wiederum diese Tendenzen verschlimmern könnte. 

Zwar ist nicht bekannt, welche anderen psychischen Probleme die Teilnehmer hatten, aber die Forscher kommen zu dem Schluss, dass ihre Studie nicht nur die These unterstützt, dass Smartphone-Sucht eine „echte“ Sucht sei (die „gleiche Krankheit mit einem anderen Gesicht“), sondern dass die Ergebnisse auch einige klinische Implikationen haben: „Präventive Strategien könnten sich auf eine verbesserte emotionalen Regulierung konzentrieren, das Bewusstsein für körperliche Anzeichen/Symptome stärken und die Fähigkeit, Belohnungen hinauszuschieben, fördern. “Es gibt bereits wirksame Strategien, um Menschen bei all diesen Dingen zu helfen, wie Sport, Aufmerksamkeitstraining, Achtsamkeit, Biofeedback, kognitive Verhaltenstherapie. Diese Methoden könnten Menschen mit einem ungesunden Verhältnis zu ihrem Smartphone helfen und evtl. sogar verhindern, dass es soweit [zur Sucht] kommt“, hoffen die brasilianischen Experten.

Quellen: British Psychological Society – Research Digest, Frontiers in Psychiatry



Autor: äin-red