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12.08.2022

Bis zum Jugendalter reagiert das Gehirn auf die Stimme der Mutter besonders stark

Bis zum Jugendalter schenken Kinder der Stimme ihrer Mutter besondere Aufmerksamkeit. Aber je größer Kinder werden, desto interessanter werden die Stimmen unbekannter Personen.

Neurowissenschaftler Ass. Prof. Dr. Daniel Abrams von der Stanford University School of Medicine (USA) und Kollegen im „Journal of Neuroscience“ bestätigen mit der Beobachtung, dass Kinder stärker auf die Stimme der Mutter achten als Jugendliche, die Beobachtung vieler Eltern.

Wichtiger Schritt in der Entwicklung der Kinder hin zum Erwachsenenalter
Der Befund weist den Autoren auf einen wichtigen Schritt in der Entwicklung von Kindern hin. Wenn Kinder erwachsen werden und ihre sozialen Verbindungen über ihre Familie hinaus erweitern, muss ihr Gehirn auf dieses erweiterte Umfeld eingestellt werden. „So wie ein Säugling auf eine Mutter eingestimmt wird, haben Jugendliche diese ganz andere Klasse von Geräuschen und Stimmen, auf die sie sich konzentrieren müssen“, verdeutlicht Abrams.

Er und seine Kollegen scannten die Gehirne von 7- bis 16-Jährigen, die die Stimmen ihrer Mütter oder unbekannter Frauen hörten. Um das Experiment auf den Klang einer Stimme zu reduzieren, waren die Worte Kauderwelsch: teebudieshawlt, keebudieshawlt und peebudieshawlt. Als die Kinder und Teenager zuhörten, wurden bestimmte Teile ihres Gehirns aktiv.

Frühere Experimente von Abrams und seinen Kollegen haben gezeigt, dass bestimmte Regionen des Gehirns von Kindern im Alter von 7 bis 12 Jahren – insbesondere die Teile, die mit Belohnung und Aufmerksamkeit zu tun habe – stärker auf die Stimme der Mutter reagieren als auf die Stimme einer unbekannten Frau. „In der Pubertät geschieht genau das Gegenteil davon“, so Abrams.

Unbekannte Stimmen lösten in denselben Gehirnregionen, die zuvor besonders auf die Stimme der Mutter gerichtet waren, bei Teenagern stärkere Reaktionen aus. Dieser Wechsel findet zwischen dem 13. und 14. Lebensjahr statt.

Belohnungssystem wertet Aufmerksamkeit gegenüber Fremden auf
Es ist nicht so, dass diese jugendlichen Gehirnareale aufhören, bei der Stimme der Mutter aktiv zu werden, erklärt Abrams. Vielmehr erscheint die Aufmerksamkeit auf unbekannte Stimmen lohnender.

Und genau so solle es sein, ergänzt Abrams. Das Erkunden neuer Menschen und Situationen ist typisch für die Adoleszenz. „Was wir hier sehen, ist nur ein reines Spiegelbild dieses Phänomens.“

Stimmen können starke Wirkung haben

Wenn gestresste Mädchen die Stimmen ihrer Mütter am Telefon hörten, sanken die Stresshormone der Mädchen, konnten die biologische Anthropologin Leslie Seltzer von der University of Wisconsin-Madison und Kollegen bereits im Jahr 2011 nachweisen. Das Gleiche galt nicht für Textnachrichten von ihren Müttern.

Die aktuellen Ergebnisse unterstützen die Idee, dass sich das Gehirn verändert, um sich neuen Bedürfnissen anzupassen […], so Seltzer. „Wenn wir älter werden, hängt unser Überleben immer weniger von der Unterstützung der Mutter ab und mehr von unserer Gruppenzugehörigkeit zu Gleichaltrigen.“
Es sei nicht klar, wie universell diese neuronale Verschiebung ist. Es könne sein, dass es sich bei verschiedenen Mutter-Kind-Beziehungen oder Erziehungsstilen oder sogar bei einer Vorgeschichte von Vernachlässigung oder Missbrauch anders darstelle, ergänzt Seltzer.

Quellen: Science News, Journal of Neuroscience, Evolution and Human Behavior

Autor: äin-red