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26.08.2021

Aktuelle Studie der TU München und der bayerischen Kinder- und Jugendarztpraxen

Elternstress, Angst- und Depressionssymptome – zwei Drittel der Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern sind in der Corona-Pandemie belastet.

Die Sicherstellung des Kindeswohls und der Schutz von Kindern vor Vernachlässigung und Gewalt sind gerade in Zeiten von Corona wichtiger denn je. Auslöser für eine Kindeswohlgefährdung können beispielsweise starke elterliche Belastungen oder Überforderungen sein. Mit der vom Bayerischen Familienministerium geförderten Studie „Junge Familien & Corona“ wird deshalb bayernweit untersucht, inwieweit Familien mit Säuglingen und Kleinkindern psychosozial belastet sind und ob Unterstützungsangebote wahrgenommen werden. In einem ersten Zwischenergebnis zeigt sich, dass auch Eltern mit Kindern im Alter von 0 bis 3 Jahren durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie stark belastet sind. Dafür wurden bisher etwa 1.000 Familien in Bayern zu den psychosozialen Folgen der Corona-Pandemie auf das Familienleben befragt. „Diese ersten Zwischenergebnisse bestätigen unsere Vermutungen, dass die mit der Corona-Pandemie einhergehenden familiären Belastungen nicht nur bei Eltern mit schulpflichtigen Kindern und Kindergarten-Kindern starke Auswirkungen haben – sondern ebenso auch bei den Eltern der Kleinsten“, erklärt Prof. Volker Mall vom Lehrstuhl für Sozialpädiatrie der TU München, Leiter der Studie und Ärztlicher Direktor am kbo-Kinderzentrum München.

Rund zwei Drittel der Befragten empfinden die Einschränkungen als belastend oder sogar sehr belastend. Der elterliche Stress ist bei über einem Drittel ausgeprägt, was sich in eingeschränkten Ressourcen in der Erziehung und Versorgung des Kindes niederschlagen kann. Fast jede/r Vierte hat Symptome von Angst und Depression, was sich wiederum auf die emotionale Beziehung zum Kind auswirken kann. Eltern fühlen sich u.a. vom Schreien und Quengeln ihres Kindes mehr belastet als vor der Pandemie – dies wird im Vergleich mit Studien, die vor Beginn der Corona-Einschränkungen erhoben wurden, deutlich: Belastung durch Schreien/Quengeln ca. 19% (vorher 12,8%). „Diese ersten Warnsignale nehmen wir sehr ernst und sind diesbezüglich in enger Abstimmung mit dem Bayerischen Familienministerium, das diese wichtige Studie unterstützt“, sagt Prof. Mall zu den Ergebnissen der Querschnittstudie. Bei den Kindern im Säuglings- und Kleinkindalter selbst scheinen sich die Auswirkungen der Pandemie hingegen (noch) kaum in Verhaltensauffälligkeiten niederzuschlagen, denn die bisherigen Ergebnisse unterscheiden sich nur unwesentlich zu Vergleichsstudien in Pandemie-freien Zeiten. Ob sich die elterlichen Belastungen langfristig auch auf kindliche Symptome auswirken werden, wird eine Folgeuntersuchung zeigen.

„Im weiteren Verlauf der Studie werden außerdem die Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte zu den Familien befragt, die sie in der Praxis betreuen. Wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse, denn die Pädiaterinnen und Pädiater können in der Praxis sehr gut beurteilen, ob psychosoziale Belastungen (z.B. Auffälligkeiten in der Entwicklung und im Verhalten des Kindes, Belastungen der Bezugsperson) und ein entsprechender Unterstützungsbedarf bei den Familien vorliegen oder nicht“, gibt Prof. Mall einen Ausblick auf den weiteren Studienverlauf.

Erste digitale Studie in der pädiatrischen Praxis

Die Studie „Junge Familien & Corona“ wird in über 70 pädiatrischen Praxen in Bayern komplett digital durchgeführt. Die Studienteilnehmenden nutzen dazu die PraxisApp „Mein Kinder- und Jugendarzt“, die bereits in vielen Praxen zur Arzt-Patienten-Kommunikation eingesetzt wird. Sie wird inzwischen bundesweit von rund 450.000 Patientinnen und Patienten verwendet. „Wir bieten diese App für unsere Patienten-Eltern und für Jugendliche in der Praxis kostenfrei an. Die Eltern laden sich die App im AppStore oder bei Google Play herunter und registrieren sich in unserer Praxis. Damit stehen wir in direkter Verbindung und können zum Beispiel via Chat oder Video Probleme lösen, ohne dass die Patientinnen und Patienten in die Praxis kommen müssen. Das hat uns gerade im Lockdown sehr geholfen“, erklärt Dr. Dominik Ewald, Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Bayern.

Über diese App erhalten die registrierten Eltern mit Kindern im Alter zwischen 0 und 3 Jahren auch die Studienfragebögen zum Erleben ihres Alltags während der Pandemie. Diese können sie dann direkt am Smartphone ausfüllen und anonymisiert an die Studienleitung der TU München schicken. „Dieses neue digitale Studiendesign hat für uns in der Praxis enorme Vorteile. Unsere Praxen waren und sind aktuell noch enorm belastet durch Hygienevorschriften, Impfungen und die vielen zusätzlichen Arbeiten, die nötig sind, um den Praxisbetrieb in Pandemiezeiten aufrechtzuerhalten. Die digitale Studie hat keine zusätzlichen Kapazitäten gebunden, da Aufklärung, Einwilligung, Datenschutzerklärung und Durchführung komplett über die App laufen. Darüber hinaus lässt sich eine für Online-Studien angemessene Teilnahmebereitschaft feststellen, denn Informationen aus der Praxis werden sehr aufmerksam gelesen und von unseren Patientinnen und Patienten bzw. deren Eltern angenommen“, berichtet Dr. Ewald von den Erfahrungen aus seiner Praxis in Regensburg. Bisher nahmen ca. 35% der angeschriebenen Familien an der Studie teil – den vorliegenden Ergebnissen liegt eine Auswertung der Studienfragebögen von knapp 1.000 Familien zugrunde.

Hilfsangebote sind bekannt, werden aber noch nicht von allen genutzt

Aus den elterlichen Belastungen resultiert ein erhöhter Unterstützungsbedarf für die jungen Familien. Hierfür stehen in Bayern vielfältige Hilfen zur Verfügung. Die umfangreichen Unterstützungsangebote für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern (sog. Frühe Hilfen) werden dabei von den in Bayern flächendeckend vorhandenen und vom Bayerischen Familienministerium geförderten Koordinierenden Kinderschutzstellen (KoKis) gebündelt und in Kooperation mit den Netzwerkpartnern vor Ort entsprechend der Bedarfe weiterentwickelt. Daneben stehen den Familien als Anlaufstellen in ganz Bayern die ebenfalls vom Bayerischen Familienministerium geförderten rund 180 Erziehungsberatungsstellen zur Verfügung. Diese bieten auch über Angebote im Bereich Früher Hilfen hinaus passgenaue Unterstützung für Familien in belastenden Situationen. Dass die Frühen Hilfen bei vielen der Befragten bekannt sind und auch in Anspruch genommen werden, ist ein weiteres Ergebnis der Studie: Die Zwischenergebnisse der deutschlandweit ersten Studie zu jungen Familien im Kontext der Corona-Pandemie zeigen, dass ein Drittel der Familien diese Angebote bereits genutzt hat, unter den stark belasteten Familien sind es über die Hälfte.

Dazu Familienministerin Carolina Trautner: „Es ist mehr als erfreulich, dass die Inanspruchnahme der Unterstützungs- und Beratungsangebote der Kinder- und Jugendhilfe für die meisten bayerischen Familien, die Hilfe benötigen, inzwischen etwas Selbstverständliches geworden ist. Gerade wenn es um die verantwortungsvolle Wahrnehmung elterlicher Aufgaben und Pflichten in den ersten Lebensjahren eines Kindes geht, ist es wichtig, sich in belastenden Situationen frühzeitig Hilfe und Unterstützung zu holen und sich durch solche Zeiten professionell „coachen“ zu lassen. Dadurch können Überforderungssituationen vermieden werden, die häufig zu Kindeswohlgefährdungen führen. Die aktuelle Krisensituation zeigt, wie wichtig gerade Frühe Hilfen und insbesondere auch die Angebote der Erziehungsberatungsstellen für Familien und ihre Kinder sind. Die Stärkung dieser Strukturen ist mir deshalb ein besonderes Anliegen. Um die Kommunen hierbei zu unterstützen, hat die Staatsregierung den Ausbau des EB-Förderprogrammes bereits beschlossen. So können die 120 Hauptstandorte der Erziehungsberatungsstellen um jeweils eine weitere geförderte Stelle ausgebaut werden. Neben der Stärkung der Beratungsstrukturen kann so die möglichst niedrigschwellige Erreichbarkeit durch aufsuchende Hilfe an Orten, an denen sich Kinder und Familien aufhalten, verbessert werden. Um den Zugang zu diesen Angeboten weiter zu ebnen, setzt die Staatsregierung zudem eine gemeinsame Öffentlichkeitskampagne mit der LAG EB um. Zudem steht die von Bayern initiierte und länderübergreifend finanzierte virtuelle Beratungsstelle der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung – deren Fördersumme entsprechend erhöht wurde – zur Verfügung, um den gestiegenen Nachfragen gerecht werden zu können. Familien mit Unterstützungsbedarf sollen einfach und unkompliziert die Hilfe erhalten, die sie benötigen. Bayern ist hier gut aufgestellt.“
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Gemeinsame Meldung des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales, der TU München und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.

Autor: äin-red