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21.12.2020

800 Millionen Kinder haben gefährlich hohen Bleigehalt im Körper

Ein Bericht von Pure Earth und UNICEF kommt zu dem Schluss, dass 800 Millionen Kinder einen zu hohen Bleigehalt im Blut aufweisen, das entspricht jedem dritte Kind auf der Welt. Blei wirkt neurotoxisch und kann bleibende Hirnschäden verursachen.

"Die ersten Lebensjahre eines Kindes sind durch schnelles Wachstum und Gehirnentwicklung gekennzeichnet. Dies macht Kinder besonders anfällig für schädliche Substanzen in der Umwelt", verdeutlichte Dr. Kam Sripada von der norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (Norwegian University of Science and Technology: NTNU), die an dem Bericht mit gewirkt hat.

Sripada arbeitet mit internationalen Organisationen zusammen, um soziale Ungleichheiten zu untersuchen, insbesondere bei Kindern. "Die Exposition gegenüber Blei während der Schwangerschaft und der frühen Kndheit kann dazu führen, dass ein Kind sein Potenzial nie erreicht", erklärte sie.
Blei ist ein starkes Neurotoxin. Nur fünf Mikrogramm Blei pro Deziliter Blut können bereits Schäden verursachen kann. Es gibt akute Bleivergiftungen, die sehr vielfältige Symptome aufweisen, von Magenschmerzen bis hin zu Hirnschäden, Koma und Tod.

Eine Bleivergiftung kann sich aber auch langsam und schleichend entwickeln, da Blei sich über einen langen Zeitraum im Körper ansammeln kann. Das häufigste Symptom ist Lethargie aufgrund von Anämie. Hohe Bleigehalte können Blut und Knochenmark, das Nervensystem und die Nieren angreifen. Eine Bleivergiftung kann auch zu einer verminderten Intelligenz und zu Verhaltensproblemen führen, die ein Leben lang anhalten können.

"Blei ist eine Gesundheitsbedrohung für Kinder in jedem einzelnen Land der Welt. Kinder in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen sind jedoch besonders gefährdet, insbesondere in Südasien und Kinder in gesellschaftlichen Randgruppen im Allgemeinen. Es gibt große soziale Unterschiede, was die Bleibelastung betrifft", so Sripada.

Ein Großteil des Bleis stammt aus Blei-Säure-Batterien, die nicht verantwortungsbewusst recycelt werden. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen hat sich die Zahl der Kraftfahrzeuge in den letzten 20 Jahren verdreifacht, was wiederum zu einem starken Anstieg der bleihaltigen Batterien geführt hat. Etwa die Hälfte der Batterien wird nicht ordnungsgemäß entsorgt oder recycled.

Wasserleitungen, Industrie, Farbe und eine Reihe von Haushaltsprodukten wie Konserven, kontaminierte Gewürze, Make-up und Spielzeug können ebenso zur Bleibelastung in der Umwelt beitragen. Auch Reste des Bleis, das früher in Benzin verwendet wurde, sind bis heute noch im Boden zu finden.
Indirekt können Länder enorme Einkommensverluste erleiden, wenn die Kinder Blei ausgesetzt sind. Als Erwachsene sind sie oft nicht in der Lage, optimal zur Wirtschaft beizusteuern.

"Dies ist ein Bericht von globaler Bedeutung", betonte NTNU-Professor Terje Andreas Eikemo, der CHAIN (Centre for Global Health Inequalities Research am Norwegian University of Science and Technology) leitet.

Sowohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als auch die CDC (Centers for Disease Control and Prevention) in den USA sind der Ansicht, dass die Situation internationale Maßnahmen erfordert, wie beispielsweise mehr Informationen und die Stärkung des Gesundheitssystems in mehreren Ländern.

Die Belastung der Umwelt durch Blei ist ein globales Problem

"Dieser Bericht weist darauf hin, dass die Bleiverschmutzung ein wichtiges globales Umwelt- und Gesundheitsproblem ist, das insbesondere der Gesundheit und Entwicklung von Kindern schadet", kommentierte Heidi Aase, die die NeuroTox-Studie am norwegischen Institut für öffentliche Gesundheit leitet.

Die NeuroTox-Studie untersucht die Beziehungen zwischen Umweltgiften im Mutterleib, einschließlich Blei, und verschiedenen Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns. ADHS, Autismus und kognitive Funktionen werden bei einer großen Stichprobe norwegischer Kinder berücksichtigt. Umweltgifte, die während der Schwangerschaft im Körper der Mutter gefunden werden, können die Entwicklung des Babys beeinflussen.

"Der UNICEF-Bericht und andere Studien zeigen, dass Armut mit einem höheren Risiko, Blei ausgesetzt zu sein, und einem erhöhten Risiko für dessen schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden ist. Wir werden untersuchen, ob das auch für schwangere Frauen und Kinder in Norwegen gilt", so Aase.

Die Forschungsergebnisse von NeuroTox und CHAIN können auch international auf unterschiedliche Weise genutzt werden, um soziale Ungleichheiten in Bezug auf die Gesundheit einschließlich der schädlichen Auswirkungen von Umweltgiften zu verhindern.

Der Bleigehalt im Blut bei Kindern aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ist im UNICEF-Bericht weitaus höher als bei norwegischen Kindern. Der Bericht hat jedoch berechnet, dass viele norwegische Kinder möglicherweise Bleigehalte über dem Grenzwert aufweisen, von dem bekannt ist, dass er schädliche Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung hat.

"Das ist besorgniserregend", gab der NeuroTox-Forscher Gro Dehli Villanger zu bedenken. Studien zeigen, dass eine Schädigung des Gehirns und des Nervensystems bei weitaus niedrigeren Bleigehalten auftreten kann, als im Bericht angegeben. "Bis heute wurde kein Grenzwert festgelegt, die als sicher gelten, und daher könnte die Anzahl der betroffenen Kinder sowohl in Norwegen als auch in anderen Ländern viel höher sein", so Villanger.

Quellen: ScienceDaily, Norwegian University of Science and Technology, UNICEF



Autor: äin-red