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10.12.2015

Unterschiede in der Darmflora geben Hinweise auf Entstehung von Asthma

Säuglingen neigen dazu, allergisches Asthma zu entwickeln, wenn ihnen vier nützlichen Bakterienstämme im Darm fehlen. Zu diesem Schluss kommen kanadische Forscher. Ihre Studienergebnisse dazu veröffentlichten Dr. Marie-Claire Arrieta von der Universität British Columbia in Vancouver, Kanada, und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift „Science Translational Medicine“.

Kinder, die einen Mangel an Bakterien der Gattungen Faecalibacterium, Lachnospira, Veillonella und Rothia (FLVR) in den ersten 3 Monaten hatten, zeigen demnach ein höheres Asthma-Risiko. Zudem erhielten Risikokinder im Vergleich zu gesunden Kindern im ersten Lebensjahr mehr Antibiotika. Eine Neigung zu Asthma wurde bisher bereits mit verschiedenen Umweltfaktoren in Verbindung gebracht, wie beispielsweise Antibiotikaeinnahme, Geburt durch Kaiserschnitt, Füttern mit dem Fläschchen und Aufwachsen in einem städtischen Umfeld, und nicht auf dem Bauernhof.

‚Mikroflora-Hypothese‘

"Bei der ‚Mikroflora-Hypothese‘ stellt die Darmflora das verbindende Glied zwischen den Umweltveränderungen und den Reaktionen des Immunsystems dar. Viele neuere Studien haben die Darmflora als potentielles therapeutisches Ziel bei der Prävention von Asthma und atopischen Erkrankungen ermittelt", schreiben Dr. Arrieta und ihre Mitautoren. Atopie bezeichnet die Neigung zu Überempfindlichkeitsreaktionen, sei es auf Allergene in der Luft, bei Kontakt mit bestimmten Substanzen oder beim Verzehr von speziellen Nahrungsmitteln, die bei anderen Menschen keine Beschwerden hervorrufen.

"Die ersten 100 Tage des Lebens sind anscheinend eine kritische Phase, in der sich ein Ungleichgewicht in der Darmflora entwickeln kann, das mit einem erhöhten Risiko für Asthma und für allergischen Erkrankungen verbunden ist", erläutert Dr. Arrieta und Kollegen. "Darüber hinaus zeigen unsere Daten auch, dass diese mikrobiellen Veränderungen bei Kindern bis zu einem Jahr kaum in Erscheinung treten, was darauf hindeutet, dass therapeutische Interventionen in diesem Zeitraum bzw. möglichst früh greifen müssten." Sie fügen hinzu, dass "die Tatsache, dass eine FLVR-Supplementierung bei Mäusen prophylaktisch wirkte und zu deutlich weniger entzündlichen Reaktionen in der Atemwege führte, bestätigt, dass die Bakterien immunmodulierend wirken und Einfluss auf die Entwicklung von Asthma haben."

Das Team um Dr. Arrieta hatte 319 Kinder im Rahmen der Canadian Healthy Infant Longitudinal Development (CHILD; Kanadische Längsschnittstudie zur Entwicklung von Kleinkindern) bis zum Alter von 3 Jahren verfolgt. Die Forscher teilten die Kinder in vier Gruppen auf Basis einer Untersuchung im Alter von einem Jahr: diejenigen, die positiv bei einem Allergietest reagiert hatten (Atopie; n = 87), diejenigen, die unter Atemwegsbeschwerden litten (n = 136), und solche, die sowohl Atemwegsbeschwerden und allergischen Problemen hatten (n = 22) und Kontrollpersonen (n = 74). Im Vergleich zu den gesunden Kontroll-Kindern erhielten die 22 teilnehmenden Kinder mit Atemwegsproblemen und einem positiven Allergietest im Alter von 3 Jahren 13,5-mal 21,5-mal mehr die Diagnose „Asthma“.
Ebenso war das Risiko für eine Asthma-Diagnose der Gruppe von Kindern mit Atemwegsbeschwerden und Atopie 5,4-mal größer als bei Kindern, die von Atemwegsproblemen alleine betroffen waren, und 3,9-mal größer als bei Atopie-Patienten ohne andere Beschwerden.
Darüber hinaus erhöhte Antibiotikaeinnahme in der frühen Kindheit, die Chancen um das 5,6-Fache, dass ein Kind von Atopie oder/und Atemwegsproblemen betroffen war. Kaiserschnitt und Füttern mit Fläschchen-Nahrung hatten keinen bedeutenden Einfluss darauf, ob das Kind später an Asthma erkrankte.

In einem nachfolgenden Experiment hatten die Forscher erwachsenen keimfreien Mäusen eine Infusion von diesen vier Bakterien verabreicht und konnten beobachten, dass deren Nachkommen unter weniger Entzündungen der Atemwege und weniger Asthma litten.

Darmbakterien im Alter von drei Monaten entscheidend

Bei Stuhlproben, die die Wissenschaftler bei den teilnehmenden Kindern zu verschiedenen Zeitpunkten nahmen, stellten sie fest, dass sich die entscheidenden Unterschiede im Alter von 3 Monaten abzeichneten. Die 22 Kinder mit Atopie und Atemwegsproblemen hatten in diesem Alter, verglichen mit gleichaltrigen Kindern in den anderen Gruppen, deutlich weniger Lachnospira-, Veillonella-, und Rothia-Bakterien im Darm. Nach einem Jahr waren diese Unterschiede in der Darmflora nicht mehr erkennbar.

Die Experten schränken ein, dass trotzdem noch viele Fragen unbeantwortet bleiben. Zum Beispiel, ist nicht klar, wie lange die Schutzwirkung der Bakterien dauert. Diese Studie konzentrierte sich auch speziell auf allergisches Asthma, nicht auf andere Formen, fügte Co-Autor und Kinder- und Jugendarzt Dr. Stuart E. Turvey aus British Columbia in Vancouver hinzu.
Möglicherweise könne ihre Erkenntnis in Zukunft helfen, Kinder mit hohem Asthmarisiko mithilfe einer Stuhlanalyse in den ersten 100 Lebenstagen zu erkennen, so die Hoffnung der Forscher. Ihre langfristige Vision wäre, dass bei Risikokindern frühzeitig die Darmflora mit FLVR angereichert würde, um zu verhindern, dass sie später Asthma entwickeln.
Darüber hinaus sollten ihre Ergebnisse zum Nachdenken anregen, wenn es um den leichtfertigen Gebrauch von Antibiotika geht und was unsere Beziehung zu Bakterien betrifft. Denn diese Studie – wie auch andere – weisen darauf hin, dass wir uns mit Bakterien entwickelt haben und dass sie zum Teil auch wichtig für unsere Gesundheit sein können, so das Fazit der Autoren.


Quellen: Medscape, University of British Columbia, Sci Translat Med.

 
http://news.ubc.ca/2015/09/30/four-gut-bacteria-decrease-asthma-risk-in-infants/

Autor: äin-red