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Übergewicht (Fettsucht-Adipositas)

Ursachen

Körpergewicht wird sowohl durch Umwelt als auch durch genetische Faktoren beeinflusst. Auslöser einer Adipositas sind u.a. falsche Ernährung, also eine übermäßige Fett- und Kalorienzufuhr, und mangelnde körperliche Bewegung. Dadurch wird die nicht verbrauchte Energie in Form von Fett gespeichert.

Lebensgewohnheiten

Kinder und Jugendliche mit Übergewicht schlafen häufig wenig und bewegen sich weniger als Gleichaltrige. Allerdings kann der Bewegungsmangel nicht alleine auf hohen Medienkonsum zurückgeführt werden, da es auch viele Kinder und Jugendliche gibt, die ebenfalls viel Zeit mit Computer und Fernsehen verbringen und dennoch viel Sport treiben. Hoher Medienkonsum in Kombination mit fehlender körperlicher Betätigung begünstigt jedoch die Gewichtszunahme. In Schulen wird beobachtet, dass immer weniger Kinder Sport treiben möchten. Immer häufiger bewegen sich Kinder in ihrer Freizeit fast überhaupt nicht. In den Pausen steht bei vielen Kindern der Game-Boy an erster Stelle und übernimmt die Rolle, die einst Fußball oder andere Aktivitäten hatten. Allerdings sollte man hierbei berücksichtigen, dass das Ballspielen auf Pausenhöfen oft aus Sicherheitsgründen verboten ist. Kinder sollten deshalb von ihren Eltern bereits in sehr jungem Alter zu Sport und Bewegung angetrieben werden, damit sie früh erleben, dass Bewegung Spaß macht.

Erlernte Fehlernährung und frühkindliche Prägung

Verhaltensweisen rund um die Nahrungsaufnahme – beispielsweise der Stellenwert des Essens in der Familie, der Speiseplan und die Häufigkeit von Zwischenmahlzeiten, Belohnungsrituale (Zuckerle) etc. – werden von den Eltern erlernt und an die Kinder weitergegeben (tradiert). Dementsprechend wird eine Häufung Übergewichtiger innerhalb der Familie beobachtet. Ein Indikator für eine weniger gesundheitsbewusste Einstellung der Eltern kann das Tabakkonsumverhalten sein: Kinder von Eltern, die rauchen, sind häufiger übergewichtig als die Kinder von Nichtrauchern.

Wurden Kinder als Säugling nicht gestillt, neigen sie öfter zu Übergewicht als Stillkinder. Kinder, die 6 Monate oder länger voll gestillt wurden, haben den Ergebnissen der KIGGS-Studie dagegen das geringste Risiko für Übergewicht. Die Ernährungs- und Bewegungssituation in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr beeinflusst die spätere Gesundheit des Kindes (metabolische Programmierung). Eine Überversorgung des (ungeborenen) Kindes mit Zucker/Energie in der Schwangerschaft (z.B. beim Schwangerschaftsdiabetes) und im Säuglingsalter führt zu einer starken Gewichtszunahme im Mutterleib sowie im ersten Lebensjahr und erhöht langfristig das Risiko für das Auftreten von Übergewicht und damit einhergehenden kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen (z.B. Diabetes mellitus). Dadurch ergeben sich in der frühkindlichen Phase erfolgversprechende Präventionsmöglichkeiten durch Beratungen im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr. Um diese Präventionsmaßnahmen zu unterstützen, hat sich das Netzwerk Junge Familie unter Mitwirkung des BVKJ etabliert.

Genetische Veranlagung

Neben den von den Eltern übernommenen Ernährungsgewohnheiten, hängt das Körpergewicht auch mit genetischen Veranlagungen zusammen. Dies zeigen Familien- und Zwillingsforschung. Forscher schätzen den Einfluss der Gene auf 50 bis 90%. Etwa 80% der dicken Kinder haben mindestens ein übergewichtiges Elternteil, bei 30% sind es beide Elternteile. Für eine Rolle der Gene spricht auch die bei einigen Völkern, beispielsweise bei den Südseeinsulanern, verbreitete massive Übergewichtigkeit.

Soziale Herkunft

Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien haben ebenso wie Kinder mit Migrationshintergrund ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Adipositas. Schüler, die eine Haupt-, Sonder- oder Förderschule besuchen, sind öfter betroffen als die Besucher höherer Schulen.  

Psychische Ursachen

Häufig  hat die Adipositas seelische Ursachen. Die psychisch bedingte Adipositas kann beispielsweise durch Verlusterlebnisse wie die Trennung vom Elternhaus, Scheidung der Eltern oder den Tod eines Elternteils ausgelöst werden.

Auch andauernde Belastungssituationen, Einsamkeit, „Sich-ungeliebt-fühlen“ und Langeweile können dazu führen, dass die Nahrungszufuhr als Ersatzbefriedigung angesehen wird. Nahrung dient dann als Mittel zum Frustabbau; dem Körper etwas „Gutes“ tun, um sich dadurch „besser“ zu fühlen. Übermäßiges Essen unterstützt dabei sowohl die Abwehr von Unlustempfindungen als auch die Verdrängung von Ängsten, Depressionen usw. Viele Übergewichtige haben in der Tat eine depressive Persönlichkeitsstruktur.

Übermäßiges Essen kann aber auch als Ausdruck von psychischen Problemen sein. Bei Mädchen kann die Adipositas z.B. der Abwehr der weiblichen Geschlechterrolle dienen. Noch sind sich Mediziner allerdings nicht einig, ob die Adipositas wie die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) und die Magersucht (Anorexia nervosa) die Kriterien einer psychosomatischen Krankheit erfüllt.

Körperliche Ursachen

Bei weniger als einem von 100 stark Übergewichtigen ist eine körperliche Erkrankung die Ursache für die Adipositas. Hierzu zählen bestimmte vererbbare angeborene Erkrankungen oder erworbene Funktionsstörungen der Hirnanhangdrüse, Schilddrüse bzw. Nebenniere. Chronische Erkrankungen, die zu einer deutlichen Einschränkung der Beweglichkeit führen, können ebenfalls mit Übergewicht einhergehen. Bei allen diesen Erkrankungen bestehen neben dem Übergewicht weitere Symptome, welche durch den Kinder- und Jugendarzt rasch erkannt werden können.

Medikamente

Auch Medikamente können eine Adipositas auslösen. Am bekanntesten ist die Gewichtszunahme durch die Langzeitbehandlung mit dem Medikament Kortison, welches das so genannte Cushing-Syndrom mit den typischen Symptomen Stammfettsucht und „Vollmondgesicht” auslösen kann. Die Nebenwirkung „Gewichtszunahme“ haben auch andere Medikamente (Insulin, Neuroleptika, u.v.a.). Doch meist hält sich der Anstieg des Körpergewichts mit wenigen Kilogramm in Grenzen. Nach Beendigung der Therapie kommt es in der Regel wieder zur Normalisierung des Körpergewichtes.